Ameisenhege als Hobby

Das große Krabbeln:
Engagement für kleines Getier

Peter Fischer ist Ameisenheger / Als Stützpunktleiter betreut er sechs Reviere, darin etwa 70 Nester

Meinerzhagen Im Wald, da ist Ruhe. Wer das glaubt, hat noch nicht richtig hingeschaut. Denn im Unterholz, da steppt der Bär. Auf einem dichten Straßennetz, auf Kreuzungen und Nebengassen herrscht ständig Hochbetrieb. Nahrungstransporter und Müllentsorger im Begegnungsverkehr, Kuriere im Dienst, Arbeiter und Wachpersonal in Eile. Hunderttausende Individuen sind auf unzähligen Strecken unterwegs. Mehrspurig, auf geheimen Routen, auf ausgetretenen Trampelpfaden. „Und auf beleuchteten Autobahnen“, sagt Peter Fischer, und meint damit die meterlangen gefällten Fichten, die wie beim Mikado übereinander liegen und auf denen seine kleinen Freunde auf gerader Strecke entlangrasen. Wenn die Sonnenstrahlen schräg in den Wald auf die Stämme fallen, dann geht hier die Post ab. Dann ist die Rote Waldameise in ihrem Element.

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Eins können sie schlecht – stillhalten. So ein Ameisenvolk ist ständig in Aktion. © Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Peter Fischer ist Ameisenheger. Als Stützpunktleiter im südlichen Märkischen Kreis betreut er sechs Reviere, darin etwa 70 Nester der hügelbauenden, kahlrückigen roten Waldameise. Fischer nennt sie bei ihrem lateinischen Namen: Formica polyctena.

„Erwischt!“ Für einen seiner Schützlinge gab es kein Entkommen. Das Krabbeltier muss jetzt stillhalten und sich durch ein spezielles Vergrößerungsglas betrachten lassen.

„Es ist immer wieder interessant, einer solchen Ameise ins Gesicht zu schauen“. Bei einer 28-fachen Vergrößerung kann Peter Fischer sogar die Barthaare zählen. In der Fachsprache heißt das Beborstung, und die fällt bei den „Kahlrückigen“ eben nicht besonders üppig aus. Der Naturfreund setzt sie vorsichtig wieder auf dem Waldboden ab und macht sich ein paar Notizen. Denn das ist seine Aufgabe.

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„Es ist immer wieder interessant, einer solchen Ameise ins Gesicht zu schauen.“

Niemand weiß genau, wie viele Ameisen es gibt auf der Welt. Schon die Zahl der Arten ist nicht exakt bekannt. Peter Fischers Mission ist es, in dieser Unübersichtlichkeit für Ordnung zu sorgen. Mit Lupe und Klemmbrett ist er in den heimischen Fluren unterwegs, misst und kartografiert alte und neue Fundstellen.

Im Waldgebiet auf dem Arney zwischen Kierspe und Meinerzhagen präsentiert er einige der Völker, die in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Mit einer Sondergenehmigung befährt er die Wirtschaftswege und gelangt über schmale Pfade zu den Ameisenhügeln, von denen einige vom geschulten Auge schon von Weitem am Waldrand auszumachen sind. Sie sind stets der Sonnenseite zugeneigt und unweit der Bäume angelegt, deren Nadeln sie als Baumaterial benutzen. Deshalb findet man im näheren Umkreis eines Ameisenvolkes auch nicht eine einzige Tannennadel, alles wurde in mühsamer Kraftarbeit zum Ziel geschleppt und aufgetürmt, manchmal mehrere Meter hoch. Ein solches Prachtexemplar kann Peter Fischer auch gleich präsentieren. Fast mannshoch zwischen zwei Bäumen.

Ameisen (6)Der Fachmann besucht mehrmals im Jahr jeden Punkt, um Größe und Besatz der Nesthügel zu dokumentieren. Wie ist das Gelände beschaffen? Wie der Untergrund? Haben die Ameisen auf Sand gebaut oder auf Moor? Welcher Art ist der Baumbestand? Und ganz wichtig: Ist der Hügel gepflegt? Ameisen haben einen ausgeprägten Ordnungssinn. Der Nesthügel wird ständig gesäubert, Müll drumherum entsorgt. „Keiner kann in einer Schimmelbude leben“, sagt Fischer. An einem so genannten Auswurfring lässt sich zudem die Größe eines Volkes bestimmen, denn zu sehen ist, ähnlich wie bei einem Eisberg, nur ein geringer Teil. In einem mittelgroßen Nesthaufen leben auf zwei Quadratmetern 100 000 Ameisen. Sie ernähren sich von Honigtau der Blattläuse und von Insekten, die sie unter der Baumrinde finden. Seit mehr als 200 Jahren stehen sie unter Naturschutz.

Ameisen (2)„Eine wichtige, dabei interessante Arbeit“, betont Peter Fischer, und aus der ist mittlerweile eine richtige Leidenschaft geworden. Wenn er im Forst unterwegs ist – selbstverständlich mit vorher eingeholter Erlaubnis der Eigentümer – gibt es viel zu tun: Die Nesthügel von Strauchwerk befreien, das den Sonnenstrahlen im Weg steht. Dicke Steine oder Knüppel entfernen. Nach Schäden suchen, die der Schwarzspecht hinterlässt, wenn er mit dem Schnabel im Hügel herumstochert, oder das Schwarzwild, das sich gerne darin suhlt.

Peter Fischer, Jahrgang 1929, ist wohl der älteste noch aktive Ameisenheger in der Deutschen Ameisenschutzwarte (DASW) in Nordrhein-Westfalen. Seit 14 Jahren ist er jetzt Mitglied. Seit einer mehrtägigen Ausbildung inklusiv einer Not- oder Rettungsumsiedelung mit anschließender Prüfung darf er sich Ameisenheger nennen. Wer möchte, darf sich dem Experten anschließen. Bei den Erkundungstouren durch den Wald lässt sich viel lernen. „Interessierte können vielleicht sogar einmal bei einer Rettungsaktion mitmachen.“

Ameisen (5)Peter Fischer besucht Seminare und Exkursionen um sich auf dem Laufenden zu halten. Regelmäßig erkundigt er sich bei der Forstbetriebsstelle, ob vielleicht gerade Erntemaschinen am Rand seiner Reviere eingesetzt werden. Eine große Gefahr. Damit das schwere Gerät nicht über die Nester fährt, bringt er bei Bedarf Flatterband an. Auch wenn Gülle auf die Felder aufgebracht wird, sind die Ameisen bedroht. Fischer wünscht sich da etwas mehr Rücksicht, auch von Hundebesitzern, deren Tiere die Hügel zerwühlen. Schließlich sind die Ameisen so etwas wie die Putzkolonne des Waldes. „Ohne sie würden schlechte Kräuter und Schädlinge überhand nehmen.“ Das große Krabbeln ist nicht jedermanns Sache. Deshalb sind neue Mitstreiter jederzeit gerne gesehen. grünegegend-01drop_pure

 

Weitere Informationen

Ansprechpartner
Peter Fischer
Meinerzhagen
☎ 02354 / 12906
✉ mapemei@t-online.de

Deutsche Ameisenschutzwarte
NRW-Landesvorstand
☎ 02761 / 9778454
www.ameisenschutzwarte.de

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© Foto: Hans-Ulrich Sawallisch

Grüne-Gegend-Leser Hans-Ulrich Sawallisch hat diese Aufnahme beigesteuert. Sie zeigt die gelbe Weg- oder Gartenameise bei der Arbeit. Die Tiere hatten auf der Terrasse unter einem Sonnenschirmständer genistet und wurden gestört. Sie haben etwa eine halbe Stunde gebraucht, um ihr Gelege an einen anderen Standort zu bringen. “Diese Ameise steht nicht unter Artenschutz wie die Hügel bauenden Waldameisen in ihrer Sortenvielfalt”, so der Experte Peter Fischer. “Sie hat nicht weniger viele verschiedene Arten, ist im Gemüsegarten nicht gerne gesehen, weil sie frische Samen und auch mal Früchte oder Radieschen anknabbert, aber sonst ungefährlich.” Einige Vogelarten mögen ihre Eier und Larven. Ansonsten ist der Mensch ihr Feind.

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