Auszeit unterm Walnussbaum

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Auf Entdeckungsreise in der Stadt

Eine Stunde irgendwo verweilen und mal genau hinschauen

© Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Meinerzhagen – Die Gefahr beim Herumeilen besteht darin, das Wesentliche, das wirklich Schöne zu verpassen. Es lohnt sich also, mal einen Moment stehen zu bleiben, sich zu setzen, vielleicht sogar zu picknicken und das Geschehen rundherum auf sich wirken zu lassen. Ein idealer Ort ist ein vermeintlich unscheinbarer in der eigenen Stadt.

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Es kann sein, dass einen ein paar Krähen darauf aufmerksam machen, die sich an einem milden Herbsttag auf dem Gehweg um etwas streiten, um eine Nuss zum Beispiel. Möglich, dass es einen wundert, wo die herkommt, und der Blick unweigerlich nach oben geht. Um dann eventuell beschämt festzustellen, dass das sonnendurchflutete Grün und Weiß, das prächtige Blätterdach zu einem Walnussbaum gehört, an dem man jahrelang achtlos vorbeigelaufen ist.

Dann ist es am besten, sich für einen Moment niederzulassen. Für solche Fälle eignet sich ein mobiles Sitzkissen, das einem irgendwann im Werkhof in Halver für ein paar  Cent nachgeschmissen wurde und das seither im Auto spazierengefahren wird. Jetzt kommt es zum Tragen. Gut auch, wenn ein Kuchenstück, das man im Café Kaffeeklatsch nicht aufessen konnte, weil es einfach so groß war, jetzt noch als Rest in der Tasche vorhanden ist.

Besagter Baum steht an der Schaumgasse, dem Verbindungsstück zwischen Hauptstraße und Teichstraße. Das ist geprägt von Hinterhofflair, Zweckmäßigkeit und Tristesse. Eine Bank sucht man vergebens. Aber es gibt zwei große Findlinge, die ähnlich einladend sind. Perfekt. Die Requisite, also Polster und ein angebissenes Stück Amarettini-Streuselkuchen (und immer dabei: ein Notizbuch), wundert die Vorübergehenden. Unverhofft bleiben sie stehen und fangen sofort an zu erzählen.

Walnussbaum_Schaumgasse_schi (11)Dass irgendein Depp einen kaputten Gartenstuhl in die Höhe geworfen hat, offensichtlich um ein paar Früchte herunterzuholen. Der  hat sich aber verfangen und droht irgendwem auf den Kopf zu fallen. Ein älterer Herr bittet einen jungen Malerarbeiter herbei, der springt aufs Geländer und angelt nach dem Unrat. Andere fachsimpeln über die unreifen Früchte, von denen neulich noch ganz viele hier herumlagen, und darüber, wann der beste Zeitpunkt sei zum Verzehr. Wer es nicht abwarten kann, öffnet mit Hilfe eines weiteren Passanten eine per Faustschlag und probiert direkt. Wieder ein anderer gesellt sich später dazu, ein Mann mit Plastiktüte. Mehrmals am Tag sei er hier und sammle, was auf dem Boden liegt, stolz zeigt er die Ausbeute des Tages.

Die Schaumgasse, so ist zu erfahren, war früher nur bekannt als “Müllers Pückelchen”, benannt nach dem Friseurgeschäft Wilhelm Müller an der Ecke zur Hauptstraße. Das Haus stand an der Ecke zur Gasse und hatte als einziges in dieser Häuserzeile den Großbrand von 1913 überstanden.

Schaumgasse in Meinerzhagen

Das steile Stück Weg verband den Bereich an der Teichstraße, der in früheren Zeiten aus lauter Gärten bestand, mit dem dörflichen Zentrum. Wer von der Birkeshöh oder von der Lindenstraße aus die Geschäfte aufsuchen wollte, nahm diese Abkürzung. Die ist heute eigentlich eine ganz normale Straße (Tempo-30-Zone), die in beiden Richtungen befahren wird. Begegnungsverkehr dürfte allerdings für Probleme sorgen.

Das kleine Picknick mit Kuchen interessiert noch weitere Zaungäste. Eine Herscheiderin trägt ihren Einkauf, ein Paket Wurst und einen Granatapfel, zum Auto, bleibt stehen und beginnt ein Gespräch über Bäume und hölzerne Fundstücke und was sich daraus alles machen lässt. Eine Künstlerin? Der Baum wird begutachtet, das Alter auf etwa 50 bis 60 geschätzt.

Das prächtige Exemplar steht auf dem Grundstück des Hotels Wirth. “Genau 92 Jahre steht er hier”, klärt Rüdiger Wirth auf. Im Jahr 1923 hatte an dieser Stelle sein Urgroßvater, August Wirth, zwei Bäume gepflanzt. “Anlass war der Geburtstag meines Vaters, Karl-August Wirth.” Einer der Bäume musste Anfang der 1970er Jahre gefällt werden, um Platz zu machen für die Bauarbeiten zum Kaufpark (ehemals Michael Brücken). “Der Stamm”, weiß Rüdiger Wirth, “liegt noch heute in der Erde irgendwo hinterm Haus.”

Dass der Walnussbaum an der Schaumgasse nicht so ganz gerade steht, hat seinen Grund. Während der Besatzungszeit, erklärt Rüdiger Wirth, hatten die Amerikaner im Hotel Wirth ihr Hauptquartier. Einmal sei ein Soldat mit dem Schützenpanzer gegen den Baum gefahren und habe ihn in die Gasse gedrückt. Ein Bauer aus der Gegend musste ihn mit dem Trecker wieder zurückziehen und richten. Die ganze Aktion hat Spuren hinterlassen, dem Wuchs aber nicht geschadet. Seither wächst er, wenn auch ein bisschen schief, und gedeiht.

Meinerzhagen, Schaumgasse, Walnussbaum von oben. © 1. Oktober 2015 Luftaufnahme/Foto: Rüdiger Wirth

Der Walnussbaum zwischen Teichstraße (links) und Hauptstraße. © 2015 Foto: Rüdiger Wirth

Kein Wunder also, dass der Baum so viele Früchte trägt und immer mal wieder bei Zaungästen für Staunen sorgt. Die Walnüsse wurden aber zu früheren Zeiten nicht nur im Herbst geerntet und genossen, sondern kamen im Frühjahr, wenn sie gerade angereift waren, mitsamt grüner Hülle in den Rumtopf. “Das gab ihm ein besonderes Aroma und eine dunkle Farbe”, schwärmt Rüdiger Wirth. Zum Jahresende wurden die Nüsse wieder entfernt und so hatte man in der Adventszeit eine schmackhafte Leckerei.

Die Schaumgasse, früher immer nur “das Pückelchen”, wurde von der Jugend besonders gerne zum Skifahren benutzt. “Einer hat unten gestanden und geguckt, ob Autos kommen”, erinnert sich Rüdiger Wirth. Und dann ging es rasant den steilen Abhang hinunter. Für die ungewöhnliche Straßenbezeichnung verantwortlich ist übrigens tatsächlich der Friseur. Wilhelm Müller, der Barbier vom Haus Nummer 23 an der Ecke zur Hauptstraße, hatte den Seifenschaum, der bei der Rasur übrig geblieben war, stets in die Gasse geschüttet und mit einem Eimer Wasser nachgespült.

Walnüsse © 2015 Foto: Stefanie Schildchen


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Ein Kommentar zu “Auszeit unterm Walnussbaum

  1. Richard Arnott

    Diesen Beitrag habe ich genossen – ein Thema, das zum Nachdenken anregt. Es ist recht interessant, wie man die historischen Details, die sich hinter diesem Baum verbergen, erläutern kann. Dazu hat die Natur viel zu bieten, wenn wir nicht einfach daran vorbei gehen…