Jeder Tag ein Abenteuer

Meinerzhagen in den 1950ern: Die Jugend beim Fischen im Volkspark © Foto: Privatsammlung Weyland

“Unsere Bande, unsere Clique, unser Revier”

Eine Jugend in den 50ern / Buchprojekt “Bilderwerkstatt Meinerzhagen” erinnert an das Leben im Zentrum der Volmestadt

© Text: Stefanie Schildchen © Fotos: Privatsammlungen

Meinerzhagen Es gab Gebiete in der Stadt, die sind in keiner Karte verzeichnet. Quadratkilometer große Areale aus Feldern und Wiesen oder kleinere Sektoren mit Pfaden und Gassen. Diese Bereiche wurden irgendwann unter Ausschluss der Öffentlichkeit erkämpft, annektiert und mit harter Hand verteidigt. Die Grenzen verliefen kreuz und quer durch die Stadt, als Markierungen dienten Zaunpflöcke und Apfelsinenkisten. Und wer es wagte, sie zu übertreten, dem drohten in den allermeisten Fällen körperliche Schmerzen.

“Man hatte eigentlich ständig eine blutende Nase und war immer auf der Flucht”, sagt Holger Weyland. Die Erinnerung an seine Jugend ist geprägt von Banden, Cliquen und Revieren, von furchterregenden Feinden und wilden Grabenkämpfen, aber auch von Freundschaft und starkem Zusammenhalt. Und von zahlreichen skurrilen Geschichten, von denen er – “das wurde auch Zeit” – jetzt mal welche aufgeschrieben hat. Die gesammelten Werke sind vor Kurzem als Buch erschienen. “Bilderwerkstatt Meinerzhagen” ist eine bunte Mischung von Dönekes und Fakten aus dem Zentrum der Volmestadt, herausgegeben von der Vereinsinitiative und dem Heimatverein.

 

Foto (Privatsammlung) aus "Bilderwerkstatt Meinerzhagen"

Jeden Tag im Volkspark: “Oben auf dem Spielplatz am Pilz trafen wir uns und überlegten, was zu tun sei.”

Immer draußen, auch im Winter. “Wir lebten wie die meisten Familien auf zwei Zimmern. Hausaufgaben zu machen, sich zu konzentrieren, war schwierig.” Deshalb hielt man sich nie lange damit auf und sah zu, dass man rauskam. “Wir waren ja jeden Tag im Volkspark”, erinnert sich Holger Weyland. “Oben auf dem Spielplatz am Pilz trafen wir uns und überlegten, was zu tun sei.” Als erstes mussten ein paar Fische dran glauben. Forellen habe es genug gegeben, im Teich und den ganzen Bach hoch bis zum Bahndamm im Tempelbachtal. Dort hätten sie dann ein Feuerchen gemacht, den Fang auf Stöcke gesteckt und gebraten. Man musste eben kreativ sein.

So seien dann auch aus Matsch Lehmbälle entstanden, mit denen sich am Abend wunderbar frisch gestrichene Häuser dekorieren ließen. Eine nun nicht mehr ganz weiße Wand gehörte zum Feinkostladen von Hedwig Vedder. Und die wiederum tags drauf zum Begrüßungskomitee zu Beginn der zweiten Stunde. Rektor Müller und der gefürchtete Polizist Klotz hatten “die Jungs vom Kapellenweg” draußen antreten lassen. Weyland: “Mir war auf einmal speiübel.”

Foto (Privatsammlung) aus "Bilderwerkstatt Meinerzhagen"

Die Jüngsten vom Kapellenweg, 1955: (von links) Horst Vedder, “Akku” Borlinghaus und Holger Weyland.

Die Geschichte ist übrigens gut ausgegangen. Das Buch ist voll mit solchen Anekdoten. Die Idee dazu hatte Holger Weyland an einem Abend in der Villa Schmiemicke. “Das ist jetzt vier Jahre her”, erinnert er sich. Bei einem Treffen der Bilderwerkstatt, zu dem der Heimatverein eingeladen hatte, zeigte Chris Riederer, seinerzeit Ortsheimatpfleger, mit dem Projektor alte Stadtansichten. “Zu jedem Bild fielen mir tausend Geschichten ein, ich wusste all die Namen, kannte die, denen die Häuser gehörten.” Vielen sei es genau so gegangen. “Das macht total Spaß, die Zeit wieder aufleben zu lassen.” In zehn Jahren wüsste das keiner mehr, war die einhellige Meinung. Und: “Kann man das nicht irgendwie festhalten?”

Holger Weyland setzte sich hin und fing an, alles aufzuschreiben. Immer neue alte Geschichten fielen ihm ein. “Manchmal habe ich laut gelacht dabei.” Wie sie einmal eine ganze Schachtel Zigaretten der Marke “Juno”, versteckt hinter den Silos an der “Alten Post”, leerrauchten. Wie sie heimlich das B auf der Tafel vor Vedders Feinkostgeschäft wegwischten, wenn “Frischer Rotbarsch” im Angebot war. Wie sie eine Schachtel fanden, voll mit Geldscheinen, 800 Mark, und wie sie davon Getränke und Süßigkeiten bei Hussel und Kuchen und Teilchen von Pollmanns organisierten, sich bei Groll mit Taschenmessern und Taschenlampen eindeckten, ein dreitägiges Kinderschützenfest hinter der Scheune feierten und eine Armada Spielzeugpanzer aufzogen, um sie am Ufer des Volksparkteiches in die Fluten zu schicken.

Meinerzhagen in den 1950ern

Beobachtungsposten Volkspark, 1959: Holger Weyland, links, und “Akku” Borlinghaus mit Fernrohr. Im Hintergrund die Firma Fuchs.

Es waren die Nachkriegsjahre, die Bedingungen der Meinerzhagener Bevölkerung waren für viele hart. “Es war ein karges Leben”, sagt Holger Weyland. Und oft war es einfach der Hunger, der einen zu “Vedders Appelhof” und in die unzähligen Gärten trieb – hinter der Derschlager Straße am Gruner Weg, heute Fuchs-Betriebsgelände – um Obst zu klauen. Jeder Tag war ein Abenteuer: Man streunte im Tempelbachtal herum, versteckte sich im Eisenbahntunnel am Schwarzenberg, schnitzte Waffen, hantierte mit Zündplättchen und Knallkorken, bekämpfte einander mit Steinen und mit Zwillen, Eisenkrampen von der Firma Abrie und Kühne dienten als Geschosse. Man trat im Straßenfußball gegeneinander an, brachte Fensterscheiben zum Klirren, löste (unabsichtlich) in der Sparkasse Alarm aus und freute sich, wenn die Polizei erschien, um die Bankräuber festzunehmen. Weyland: “Manchmal konnte ich nachts nicht schlafen, aus lauter schlechtem Gewissen.”

Meinerzhagen in den 1950ern

Reinhold Schmitt (links) und Holger Weyland im Volkspark 1952.

Freitags war Badetag. “Alle Kinder wurden, nachdem der Ofen angeheizt und das Wasser warm war, ob sie wollten oder nicht, nach­einander in die Badewanne gesteckt und abgeschrubbt”, schreibt Weyland. Taschen­geld gab es keins, ab und zu bekam man eine kleine Tüte Pommes bei “Fritten-Peter”, direkt neben dem Reisebüro Wernscheid (Pavillon), zugeschoben, oder wurde von der Bäckers­frau Pollmann gerufen und bekam ein Eis umsonst. Im Winter ließen sich beim Koffer­schleppen für die Skitouristen ein paar Mark verdienen. “Wir vom Kapellenweg” – Holger Weylands Revier war das Gebiet im Zentrum, “Zur Alten Post” und rund um den Volkspark. Angrenzend herrschten die berüchtigten “Schwarzenberg-Chaoten”. “Zum Westen hin grenzte unser Revier an das wohl schrecklichste und gefürchtetste Gebiet seiner Zeit, an das Wehetal.”

Meinerzhagen einst – Das Ende des Zweiten Weltkriegs war erst ein paar Jahre her. “Immer mehr Flüchtlinge, Heimatvertriebene, Evakuierte und Ausgebombte zog es in den Volmeort und viele sollten hier eine neue Heimat finden”, beschreibt das Buch den Wiederaufbau. Es herrschte Wohnungsnot, Familien hausten mit bis zu fünf Personen auf einem Zimmer, die Nahrungsmittel waren knapp. Zu Hause habe es Milchsuppe und Haferflocken gegeben oder “Eintopf mit ganz viel Grünzeugs drin”. Der Alltag war geprägt von hart arbeitenden Menschen, von strengen Lehrern, von Bescheidenheit und Improvisationstalent.

Holger Weyland lässt in seinem Buch viele Weggefährten zu Wort kommen, darunter Hartmut “Akku” Borlinghaus, Klaus-Dieter Hildebrandt, genannt “Schinser” und Heinz-Willi Alte, genannt “Flutschen” und auch Jutta Heidemann geb. Fuchs. Sie geben ganz persönliche Einsichten, schildern überraschende und spannende Facetten der Gegend, erzählen von der Dränke, der Bahnhofsgaststätte, von der Bücherei Groll, vom RSV und dem Sportplatz an der Lindenstraße, vom Weltspartag, von Barackenbewohnern, Bauern und Gemüsehändlern, von Kickern, Rüpeln und Rockern. Und vermitteln, so Weyland in seinem Vorwort, “einen ganz besonderen Touch und Einblick in die Historie, Sozialgeschichte und Jugendkultur unserer Stadt”.

Der Verkaufserlös des Buches geht ausschließlich an die beiden beteiligten Meinerzhagener Vereine – die Vereinsinitiative und den Heimatverein.

Holger Weyland © 2017 Foto: Stefanie Schildchen

Holger Weyland hat zahlreiche Geschichten aus dem Meinerzhagen der Nachkriegsjahre gesammelt und als Buch herausgegeben. © 2017 Foto: Stefanie Schildchen

 

Das Buch
“Bilderwerkstatt Meinerzhagen” – Kleine historische Exkursion, Dönekes und Fakten aus dem Zentrum der Volmestadt (160 Seiten), verfasst von Holger Weyland, herausgegeben von der Vereinsinitiative und dem Heimatverein Meinerzhagen, 20 €, erhältlich bei der Vereinsinitiative, An der Stadthalle1, in der Buchhandlung Schmitz, Zur Alten Post 6 und in der Geschäftsstelle der Meinerzhagener Zeitung, Hauptstraße 42.

 

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