Fahrräder für Flüchtlinge

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Jörg Hornung macht mit Flüchtlingen Fahrräder fit

Für ein bisschen mehr Mobilität / “Verständigung klappt bestens”

© Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Niemand ist gern unbeweglich. Selbstbestimmt über ein Transportmittel zu verfügen, ist für uns selbstverständlich. Nicht aber für diejenigen, die ihr Land verlassen mussten, um fern der Heimat, ohne Besitz und getrennt von der Familie ein neues Leben zu beginnen. Den Menschen, die es hierher verschlagen hat, bedeutet schon ein Fahrrad eine große Hilfe. Das stammt in den meisten Fällen aus einem Hinterhof am Inselweg.

Hinter dem Garagentor ein schrilles Geräusch, innen sprühen Funken, der Mann mit der Trainingsjacke flext gerade an einer Lenkerstange herum. Er murmelt etwas in seinen Bart, begutachtet dann das Problem im Kreise seiner Helfer. “Number eight”. Ihm wird ein Acht-Millimeter-Maulschlüssel gereicht. Kann mal jemand hier festhalten? Die Antwort kommt auf Französisch und Arabisch und in einer afrikanischen Sprache.

“Verständigung klappt bestens”, sagt Jörg Hornung sichtlich zufrieden und wedelt etwas Qualm beiseite. Hinter seinem Haus hat er eine Werkstatt eingerichtet. Hier kommen jeden Samstag für ein paar Stunden Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen, um Zweiräder straßenverkehrstauglich zu machen.

Treffen ist jeden Samstag am Inselweg

In der Garage und dem Raum davor ist Platz Mangelware. Alles ist vollgestellt mit Kisten mit Reifen und Ventilen, Kartons, die überquellen von Kabeln und Draht, Schrauben, Werkzeug und Ersatzteilen. Gearbeitet wird meist draußen, aber gerade treibt ein heftiger Schauer die Mechaniker unters Vordach.

Wer jetzt zu Hornungs Montageständer vordringen will, muss aufpassen, die ganzen Fahrräder nicht umzuschmeißen.

“Einen Schlauch einziehen und ein Rad wechseln, das kann jeder hier”, sagt Hornung. Die meisten seien sehr geschickt, das habe ihn fast überrascht. Die jungen Männer kommen von der Elfenbeinküste und haben da schon mit Maschinen gearbeitet, sie kommen aus Albanien (Hornung: “Die sind technisch sehr fit”) und aus dem Kosovo (“Die sind besonders hilfsbereit.”)

Wer es hierher geschafft hat, hat viel Leid erlebt. Einer hat von seiner Flucht erzählt, von Libyen übers Meer bis Italien, und wie er zusehen musste, wie fünf Menschen ertranken. Jedes Schicksal ist eine lange Geschichte.

“Die ist aber hier Nebensache”, sagt Jörg Hornung. “Die Jungs wollen sich ein bisschen ablenken.” Was sie brauchen, sei Beschäftigung. “Manche sind nur zum Spaß hier und um zuzuschauen.”

Die meisten kommen wegen kleineren Schäden am Rad und größeren Schönheitsreparaturen. “Sie brauchen Kontakt und den bekommen sie hier”, sagt Hornung. “Gerade bei schönem Wetter ist das eine gemütliche Sache.”
An diesem Samstag nicht so. Eine Sturmböe hat sich zwischen den Häusern verirrt und mit Wucht ein paar Fahrräder umgeworfen. Ist was kaputt? “Das müssen wir locker sehen”, winkt Hornung ab. “Und wieder reparieren.”
Seit Anfang des Jahres macht er das jetzt. Ende Januar, erinnert er sich, da gab es Eis und Schnee und seine Jungs kamen in dünner Lederjacke. “Die meisten sind aus ihren Herkunftsländern wärmere Temperaturen gewohnt.”

Insgesamt 60 Fahrräder habe er in diesem halben Jahr an die Flüchtlinge abgegeben, zuletzt zehn Stück an die Unterkunft in Wilkenberg, und zahlreiche weitere wieder in Schuss gebracht. “Das macht natürlich Spaß”, sagt der 53-Jährige. Als gelernter Industriemechaniker und Metallfacharbeiter habe er schon mal ein ähnliches Projekt mit jungen Arbeitslosen betreut. Als dann bei einer Sitzung beim Runden Tisch des Arbeitskreises Flüchtlinge das Thema angesprochen wurde, hat er sich gleich gemeldet. Seitdem ist einmal die Woche sein Haus Treffpunkt von bis zu 15 Männern. Hornungs Lebensgefährtin Belinda Narweleit bewirtet den Besuch mit Kaffee, Saft und Keksen.

Die Probleme reichen von der beim Sturz abgebrochenen Lampe über platte Reifen bis zum gerissenen Seilzug. Bewali Adel, 25 Jahre, aus Algerien macht gerade wieder ein Kabel am Dynamo fest. Gebru, 25 Jahre, kommt aus Eritrea. Er hat heute am Hinterrad geschraubt und dabei ein neues Wort gelernt: Schutzblech. Ziad, 33 Jahre, ist Syrer und betätigt sich an der Handpumpe. “I tell it every Saturday.” Jörg Hornung richtet sich immer wieder an sein Team. Sein Appell erreicht alle: “Drive carefully.” Nicht rasen, immer die Hand an der Bremse, links und rechts schauen – Sicherheit sei ganz wichtig. Immerhin kämen viele aus Ländern ohne Fahrradkultur und müssten das Fahren und Verhalten im Straßenverkehr erst mühsam lernen.

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Am Inselweg können Flüchtlinge Fahrräder reparieren lassen oder selbst aktiv werden. Bei den jungen Männern sind Mountainbikes die Renner.

“Light next week”, sagt Hornung. Ersatzteile wie Schlösser und Lampen werden von Spendengeldern gekauft. Die Lampen sind bestellt, treffen aber erst nächste Woche ein. Wer Fahrräder stiften möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

Er nimmt alles, auch das letzte “Schrottfahrrad”: “Da ist mitunter der Drehgriffschalter noch in Ordnung, den kann ich als Ersatzteil verwenden.”

Am liebsten sind ihm einfache Markenräder mit Sieben-Gang-Nabenschaltung. “Die lassen sich wesentlich einfacher reparieren.” Bei den jungen Männern sind Mountainbikes der Renner, damit könne man dann auch ein bisschen angeben, verrät Hornung.
Ein Fahrrad erleichtert den Flüchtlingen den Alltag, jeder freue sich über eins und darüber mobil zu sein, zum Schwimmen fahren zu können oder zum Einkaufen oder um einander zu besuchen.

Am Inselweg ziehen Wolken auf, jetzt prasselt auch noch Regen auf das Dach und durch ein Loch hindurch in die Werkstatt. Die Mechaniker ziehen die Köpfe ein und verkriechen sich in ihren Jacken.

Wieder ein neuer Schaden, die Arbeit reißt nicht ab. Hornung sieht nach oben und nimmt’s gelassen, wie immer: “Das Leben ist eine Baustelle.”

Wer ein Fahrrad oder Ersatzteile spenden möchte, kann sich mit Jörg Hornung vom Arbeitskreis Flüchtlinge in Verbindung setzen, und zwar unter den Rufnummern   02354 / 12831  oder  01573 / 3297985 . Der Arbeitskreis Flüchtlinge bildete sich Anfang 2015 aus Teilnehmern des Runden Tisches, der sich zum ersten Mal im Herbst 2014 traf, und ist dem Sozialen Bürgerzentrum Meinerzhagen „Mittendrin“ angegliedert. Er sieht sich als überparteiliches Gremium Meinerzhagener Bürger, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Migranten in der Stadt in vielfältiger Weise unter die Arme zu greifen.
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