Vielseitigkeit des Handgesponnenen

Für Kinder: Hausschuhe aus Schafwollresten © 2016 Foto: Stefanie Schildchen

Faszination am Spinnrad

Naturwolle wird unterschätzt, findet Beate Hoppe / Die Fachfrau fertigt viele Kleidungsstücke selbst, und zwar von Anfang an, von der Rohwolle zum fertigen Faden, praktisch vom Schaf übers Garn bis zum fertigen Strickstück

© Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Meinerzhagen Was Strickwaren angeht, da ist Beate Hoppe wählerisch. „Die Qualität, die man im Allgemeinen so kaufen kann, lässt meistens zu wünschen übrig“, sagt sie. Zu hoher Kunstfaseranteil, lieblos maschinell hergestellt, nicht formbeständig. Bei Wolle kann ihr keiner was vormachen, sie setzt auf Handgearbeitetes und das ausgesprochen konsequent, denn sie spinnt ihr Garn selbst.

„Wolle – das ist eine Wissenschaft“, sagt die Expertin, die viermal im Jahr zum offenen Spinntreffen einlädt und ihre Erfahrungen an einen wachsenden Kreis Interessierter weitergibt. Dann geht es um Schafrassen – welches Tier produziert welche Qualität – um Garnstärken, um Spinntechniken, ums Filzen, Stricken und Häkeln und um Mustervorlagen.

„Wer schon mal echte Wolle verarbeitet hat, der weiß um die hervorragenden Trageeigenschaften“, sagt Beate Hoppe und streicht über einen Strang cremefarbenen Garns. Es sieht weich aus, fühlt sich aber fest an. „Bentheimer Landschaf“, erklärt die Fachfrau.

„Bentheimer Landschaf“: Die Wolle sieht weich aus, fühlt sich aber fest an. © 2016 Foto: Stefanie Schildchen
„Wolle – das ist eine Wissenschaft“, sagt die Expertin. © 2016 Foto: Stefanie Schildchen

Die Vorteile: Das fertige Strickstück ist leicht und angenehm auf der Haut, das Garn robust und gleichzeitig geschmeidig. „Es kratzt nicht und ist atmungsaktiv.“ Die Feuchtigkeit werde durch den besonderen Aufbau der Fasern nach außen transportiert. Und nur wenige wissen: „Wolle ist wasserdicht.“ Beate Hoppe fertigt Jacken, Stulpen, Mützen und Schals. Gerade ist eine Weste fertig geworden, mit einem Aran-Muster und einem großen hölzernen Knopf. „Die meisten Sachen entwerfe ich selbst.“

Naturwolle wird unterschätzt, es gibt viele Schafrassen, die sehr gute Wollqualitäten liefern. Beate Hoppe möchte ihre Begeisterung gerne mit anderen teilen und dazu animieren, Kleidung wieder selbst herzustellen. Und zwar von Anfang an, von der Rohwolle zum fertigen Faden, praktisch vom Schaf zum Garn. Spinnen ist ein uraltes Handwerk. Bereits in der Jungsteinzeit machte man mit Hilfe der Handspindel aus Schafwolle Fäden zur Herstellung von Bekleidung. Das Arbeiten am Spinnrad übt bis heute eine gewisse Faszination auf die Menschen aus. Aus ein paar losen Fasern entstehen mit etwas Geschick schnell vorzeigbare Ergebnisse.

Beate Hoppe kennt sich bestens aus, sie nennt mehrere Spinnräder unterschiedlichen Alters, darunter ein Reisespinnrad zum Klappen, ihr Eigen und weiß: „Das Interesse am Spinnen ist groß.“ In vielen Haushalten seien von früher noch viele Spinnräder erhalten geblieben. Ausprobieren lohne sich: „Die funktionieren doch noch.“

Selbstentworfene Weste mit einem Aran-Muster. © 2016 Foto: Stefanie Schildchen

Spinnen sei gar nicht schwer und das Schöne – es stellen sich sehr schnell Erfolgserlebnisse ein. Und auch wenn das Ergebnis nicht auf Anhieb schön gleichmäßig wird – „Alles lässt sich irgendwie verwerten“, betont Beate Hoppe. Sie hat Reste zum Beispiel für ihre Enkelin zu Hausschuhen verarbeitet und mit einer knallroten Häkelblume aufgepeppt.

Die Vorgehensweise ist immer gleich: Um einen guten Faden zu spinnen, muss die geschorene Wolle erst einmal sortiert werden. Nur die Rücken- und Seitenwolle eignet sich zum Spinnen eines gleichmäßigen Fadens. Danach wird die Wolle einmal in klarem lauwarmem Wasser gewaschen, anschließend gut ausgedrückt und an der Luft im Schatten langsam getrocknet. Sie sollte hin und wieder gewendet und geschüttelt werden.

Ist die Wolle trocken, wird kardiert. Hierbei werden die restlichen Pflanzenteile und die Disteln ausgekämmt und die Wolle zum anschließenden Spinnen geglättet. Nun kann mit dem Spinnen begonnen werden.

„Ich bin keine Schnellspinnerin“, sagt Beate Hoppe. Für 100 Gramm Wolle braucht sie etwa sechs Stunden, für besagte Weste hat sie 300 Gramm verstrickt. Das wiederum hat ungefähr 40 Stunden in Anspruch genommen. Und so ein selbstgestricktes Modestück aus Naturschafwolle hält ewig. „Tragen kann man das dann so lange, dass man es vererben muss.“

So ein selbstgestricktes Modestück aus Naturschafwolle hält ewig, es ist atmungsaktiv und formbeständig. © 2016 Foto: Stefanie Schildchen

Von flauschig bis glatt Stelldichein der Spinnerinnen Handarbeiten wie damals
 
Weitere Informationen

Haus Heed
Umweltpädagogisches Zentrum
Heed 3
58540 Meinerzhagen

Ansprechpartnerin
Beate Hoppe
☎ 02354 / 4704


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