Tausendblütenland

Franz Predeek (1881 - 1964)

Franz Predeek, Heimatdichter und Wandersmann © Foto: Privatsammlung Familie Predeek

“Meinerzhagen klingt in meiner Seele an wie ein voller Akkord” 

Franz Predeek, Heimatdichter und Wandersmann, wurde 1881 in Meinerzhagen geboren / Ein Leben für die Natur und für die Poesie

© Text: Stefanie Schildchen
Meinerzhagen Vor langer Zeit, Ende des 19. Jahrhunderts, betritt ein Mann eine Meinerzhagener Amtsstube. Er ist 34 Jahre alt und trägt einen schwarzen Anzug, eventuell auch einen Mantel, von dem er vielleicht den Schnee abschüttelt, denn es will – immerhin schon März – einfach nicht Frühling werden. Er macht einige Angaben, die der Beamte mit dem Federhalter in ein Formular schreibt, und setzt schließlich seine Unterschrift darunter. Zufrieden sieht er zu, wie die schwarze Tinte trocknet.

Der Mann ist Hermann Predeek, seines Zeichens Amtsrichter, recht neu in der Stadt und gerade Vater geworden. Zwei Tage zuvor gebar ihm seine Frau Anna, geborene Haxter, einen strammen Jungen. Franz soll er heißen, die Geburtsurkunde liegt vor ihm, sie weist gleich sechs Namen auf, nämlich Franz Conrad Jacob Johannes Joseph Maria. Schon wenige Tage später macht jener Franz seinen ersten Ausflug: fein herausgeputzt geht es zur Taufe in die katholische Kirche, ein schiefergedecktes Gebäude, das damals gegenüber dem Gasthof „Rose“ auf dem Hügel gebaut worden war.

Taufe bei klapperklirrendem Frost

Und weil aus dem kleinen Franz später nicht nur ein Studienrat sondern auch ein für das Sauerland bedeutender Schriftsteller geworden ist, bleibt dieses Ereignis in seinen Büchern nicht unerwähnt. In „Heimland – Ein Sauerländer Wanderbuch“ beschreibt Franz Predeek seine eigene Taufe durch Pastor Joseph Schafmeister, der von 1867 bis 1887 in Meinerzhagen wirkte: „Derselbe hochwürdige Herr, der, nachdem ich Dreitagealt bei klapperklirrendem Frost unter klingendem Schellengeläut im sausenden Schlitten von der Stätte meiner Geburt stracks zum Taufstein des Meinerzhagener Kirchleins schlittengefahren war, – übrigens meine erste Betätigung im Wintersport – mir das geweihte Wasser übergoß, daß ich mordsmörderlich geschrien haben soll.“

Meinerzhagen um 1910 © Foto: Stadtarchiv Meinerzhagen

Meinerzhagen im Jahr 1910, unterhalb der Jesus-Christus-Kirche ist die kleine katholische Kirche zu sehen, in der Franz Predeek im Jahr 1881 getauft wurde. © Foto: Stadtarchiv Meinerzhagen

Sein Zuhause ist die Wohnung des Amtsrichters, die Behörde ist zusammen mit der Stadtverwaltung zu dieser Zeit im Rathaus an der Oststraße (1859 erbaut) untergebracht. Vermutlich hat die Familie, die aus Paderborn hierher gekommen war, dort auch einige Zimmer bewohnt. Im Jahr 1886, es sind inzwischen noch drei weitere Kinder geboren, verlässt man Meinerzhagen und zieht nach Bocholt. Doch mit Pastor Schafmeister bleibt Franz Predeek verbunden. Der Kirchenmann tritt 1887 eine Pfarrstelle in Allagen am Möhnesee an, ein Dorf bei Paderborn, der Heimat der Predeeks. Franz ist mit seinen Eltern oft dort zu Gast, sie besuchen die Messe und lassen sich im Pastorat von Schafmeisters Schwester und Haushälterin bewirten. Es gibt goldgelbe Eierkuchen und Speck, Dicke Milch und Schinkenstullen, „so groß wie ein Postkutschenrad“.

Sein Zuhause ist die Wohnung des Amtsrichters

Franz und die anderen Jungen im „Milchbartalter“ verleben dort „Tage seligster Ausspannung“ und steuern den Ort auch auf späteren Wanderungen viele Male an. Auch als der beliebte Pastor schon längst verstorben ist, kehrt Franz immer wieder dorthin zurück. Er schreibt: „Und jedesmal, wenn ich in Allagen bin, zieht es mich hin zu dem stillen Priestergrabe unter raunenden Zypressen, auf dessen Grabtafel geschrieben steht, daß Pastor Schafmeister, geboren 1843 zu Rimbeck, im Jahre 1887 von Meinerzhagen nach Allagen kam, woselbst er im Jahre 1919 gottselig verschied. Der edle, selbstlose und allezeit hilfsbereite Priester des Herrn lebt noch heute fort im dankbaren Andenken seiner Gemeinde. Und so kreisen auch meine Gedanken in dankbarlichem Erinnern um zwei stille Stätten eines glückseligen Jugendlandes: um Allagen und Meinerzhagen.“

Meinerzhagen Stadtarchiv Geburtsurkunde Franz Predeek, 1881

Die Geburtsurkunde von Franz Predeek im Meinerzhagener Stadtarchiv © Foto: Stefanie Schildchen

Der kleine Franz wächst heran und ist ein guter Schüler. Er besucht die Volksschule und das Realgymnasium in Bocholt und Münster, studiert Deutsch, Kunstgeschichte und Erdkunde an der Akademie Münster, Romanistik in Paris und Grenoble und legt 1908 sein Staatsexamen für den höheren Schuldienst ab. Nach einjähriger Militärzeit wird er Lehrer, dient im Ersten Weltkrieg als Reserveoffizier, wird mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Er lehrt an Gymnasien im Münsterland, in Hagen, Arnsberg und Paderborn und schließlich in Lippstadt.

“Immer wieder zog es mich zum Sauerland”

Sein Herz schlägt für das Schreiben, das Reisen und das Wandern. Er verfasst mehr als 2000 Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, darüber hinaus Gedichte, Novellen, Kunstkritiken, Bau­betrachtungen und eine umfangreiche Reihe Heimat- und Wanderbücher über das Sauerland. Und immer wieder erinnert er sich dabei an Meinerzhagen. Er schreibt: „Weit bin ich in der Welt umhergewandert. Aber immer wieder zog es mich zum Sauerland, wo einst meine Wiege gestanden. An der Hand meiner jugendschönen Mutter lernte ich die Berge kennen, den murmelnden Bach, den stillen Wiesengrund, den dunklen Wald. […] Im Gottesgarten des Kinderlandes lehrte mich meine Mutter zu wandern. Ihr verdankt der Alte die ewige Unrast, den Trieb in die Ferne, die unbezähmbare Lust zu wandern. Ihr widme ich in Dankbarkeit den Reigen meiner Heimland-Bücher.“

Heimatdichter Franz Predeek

Franz Predeek als Reserveoffizier im Ersten Weltkrieg © Foto: Privatsammlung Familie Predeek

In seinen zahlreichen Schriften beschreibt er Brauchtum und Sagen, Landschaft und Künstlerschaffen der Menschen aus dem Sauerland der 1930er bis 1950er Jahre. Er schildert die Begegnungen mit Schäfern, Köhlern und Bauern, ist Zaungast bei Schützenfesten und Zeuge, als letzte Einwohner ihr Dorf für den Talsperrenbau verlassen müssen. Auf seinen Streifzügen durch heimische Wälder und Wiesen trifft er Wanderer, Wirtsleute und Wintersportler, besucht Bergfeste, Höhlen, Felsentäler und Glockengießereien. Seine Geschichten handeln von romantischen Bahnfahrten unter Dampf, Vollmondnächten und winterlichen Touren mit dem Pferdeschlitten, von einer idyllischen Landschaft zwischen Winterberg und Warstein. Von Kartoffelfeuern und Haferernte.

Ruheloser Wanderer und leidenschaftlicher Poet

Er ist ein gründlicher Naturbeobachter, er entdeckt Interessantes in Ackerrillen und Hohlpfaden, spaziert zwischen Hochherbstheide und grünem Ginster, entlang an krausen Schlehdornhecken und am mystisch purpurnen Mehlbirnenbusch. Seine Heimat tituliert er als „das bucklige Sauerland“ und „das grüne Meer“, als „Tausendblütenland“ und „eine Welt, die sommermärchenschön ist.“ Und schwärmt, es gebe „nichts Feierlicheres im Erleben der großen Natur als ein Sonntagmorgen im Gebirge“.

Er ist ein ruheloser Wanderer und ein leidenschaftlicher Poet, den es immer wieder hinaustreibt: „Was ist Ferne unter diesem schweren Lichte? Ist es nicht, als säße Kindheitserinnern vor den Toren der Stadt und sähe durch die bunten Gläser eines Gartenhauses?“

1920 heiratet er die Lehrerin Else Maeder, mit der er zwei Kinder hat. Seine Enkelin Annette Valeska Predeek lebt heute in Remagen, hütet den Nachlass des Heimatdichters und Malers und verehrt ihn noch immer. „Er war ein großer, warmherziger Mann, der eine enorme Ruhe ausgestrahlt hat.“

Meinerzhagen war für mich eine Welt voll der Liebe und der Sonne, ein Paradies mit Fliegenpilz und Blindschleiche, Tannenzapfen und Schneckenhaus. – Franz Predeek

Im Jahr 1964 stirbt Franz Predeek mit 83 Jahren in Lippstadt. Den “nimmermüden Sauerlandwanderer“ ehrt der Sauerländer Heimatbund mit einem Nachruf: „Franz Predeek wurde nie müde, von den Schönheiten des Sauerlandes zu künden. Die Zahl seiner Aufsätze in Tageszeitungen, Zeitschriften, Kalendern und Fachblättern geht in viele hunderte; dabei war er ein ausgezeichneter Kenner der Flora des Landes, der geschichtlichen Vergangenheit und zudem ein hervorragender Kunstkenner. Immer aber war er auch ein unermüdlicher Wanderer, der auf allen Wegen des Landes der tausend Berge selber mit Rucksack und Wanderstock geschritten ist. Seine Darstellungen haben immer seine eigene unverkennbare Handschrift. Er schrieb die Bücher ‚Durch Sauerland und Waldeck‘ (1921), Tagebuch einer kleinen Stadt‘ (1933) und die beiden Bände ‚Heimland‘ (1922 und 1956) und ‚Vom ewigen Schreiten‘ (1962). Das Sauerland dankt seinem schriftgewandten Herold mit dankbarem Erinnern.“

Franz Predeek (1881 - 1964): "Heimland" - Ein Sauerländer Wanderbuch

In seinem letzten Buch, das er noch als 80-Jähriger verfasste, ist auf den ersten Seiten die Geschichte „Im Wiegenlande“ zu finden, sie ist seiner Mutter und seiner geliebten Heimatstadt gewidmet. Darin heißt es: „Eine treusorgende, jugendschöne Mutter führte mich frühzeitig in die Wunderwelten des Berglandes. Meiner Mutter verdanke ich eine innige Einstellung zur Natur und ihren tausendfältigen Erscheinungsformen. Viel sagte sie nicht, wenn sie mir etwas Schönes zeigte: einen märchenhaften Fliegenpilz, eine sich ringelnde Blind­schleiche, einen grünen Tannenzapfen oder ein kunstvoll gebautes Schnecken­haus. Die stillen Stunden, da ich an der Hand meiner Mutter durch eine anmutige Landschaft schritt, sind mir unvergeßlich geblieben. Erstes, heiliges Schreiten! Heute führt mich keine Mutter mehr. Aber es ist mir, als wenn ihre stille Seele mich umschwebte, mir, dem Achtzigjährigen, noch etwas Neues zu zeigen. Als ich vor einigen Jahren die Pfade meines Kinderlandes aufsuchte, kündeten mir Fliegenpilz und Blindschleiche, Tannenzapfen und Schneckenhaus vom einst so heiligen Geschehen. Mein guter Vater machte mir einmal einen Luftdrachen aus buntem Seidenpapier. Als dieser in den Wolken angelangt war, riß er sich von der Leine los und verschwand in der Unendlichkeit. So lernte ich, daß es gut sei, mit beiden Beinen in der Scholle zu wurzeln. Meinerzhagen klingt in meiner Seele an wie ein voller Akkord. Meinerzhagen war für mich eine Welt voll der Liebe und der Sonne, ein Paradies mit Fliegenpilz und Blindschleiche, Tannenzapfen und Schneckenhaus. Ein Paradies mit dem gütigen Lächeln einer jugendschönen Mutter, ihrem feinen Verstehen und dem wundersamen Geborgensein unter ihrem Muttergottesmantel.“

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