Picknick mit der Kräuterhexe

Blütenpracht und Blätterschmaus

Fünf Gänge mit Giersch und Gundermann / Unterwegs mit Kräuterpädagogin Karola Wolff / “Ich möchte verlorenes Wissen zurückbringen”  © Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Kierspe Das Wildkraut an sich ist ein einziges Understatement. Versteckt sich am Waldrand, tummelt sich in Mauerritzen, duckt sich unter Hecken. Und fristet – unscheinbar und allenfalls geduldet – in vielen aufgeräumten Gärten ein Schattendasein. Von Prominenz keine Spur. Dabei punktet es mit enormem Potenzial: Mit Aroma, mit Heilkraft, mit Blütenpracht und Aberwitz. Nehmen wir mal dieses skurrile Ding hier: Stängel mit borstiger Behaarung, weiße Blütendolde mit schwarzem Winzling in der Mitte: „Eine Mohrenblüte“, verrät Karola Wolff – das unverwechselbare Merkmal der Wilden Möhre. „Wer die einmal in der Suppe hatte, will nichts anderes mehr.“

Es geht wieder mal um Lieblingsplätze in Kierspe. Ihren erreicht Karola Wolff bereits, wenn sie die Tür öffnet. Und das jeden Morgen vor dem Frühstück mit einer Tasse Tee. Ein paar Schritte und sie steht mitten im Kräutergarten. „Löwenzähnchen“ hat sie ihr Refugium getauft. Und hier am Dorfrand von Höhlen gibt es eine Verabredung zum Picknick.

Blätterschmaus, Salat aus Blüten

Salat aus Nachtkerze, Wiesenglockenblume (in Violett) und rotem Springdrüsenkaut, abgeschmeckt mit Himbeeressig und Löwenzahnsirup, verziert mit einer Taglilie in leuchtendem Orange.

Sie ist bekannt als „Kräuterhexe“, den Titel trägt sie mit Stolz. Der Begriff wird mittlerweile nicht mehr negativ verstanden. Durch die grausame Verfolgung der weisen Frauen im Mittelalter sei so viel Kostbares verlorengegangen, so Wolff. Heilkräfte und Nutzbarkeit der Wildkräuter sollten heute in der Schule und im Alltag wieder zur Geltung kommen. „Ich möchte verlorenes Wissen zurückbringen.“

„Sobald wir ein paar Meter gehen, finden wir alles, was wir brauchen“

Kaum jemand wüsste, sagt sie und deckt den Tisch dabei, dass aus jedem Obst und Gemüse sämtliche Mineralstoffe herausgezüchtet seien. „Die sind geballt in den Wildkräutern drin.“ Ein erster Blick in die Schüsseln bestätigt: Gesunde Ernährung ist alles andere als langweilig. Nämlich ganz und gar bunt. Für essbare Blüten sei gerade die beste Zeit. Nachtkerze, Wiesenglockenblume (in Violett) und rotes Springdrüsenkaut sind angerichtet, abgeschmeckt mit Himbeeressig und Löwenzahnsirup und verziert mit einer Taglilie in leuchtendem Orange. Ein Salat, der sich sehen lassen kann.

Der Gast genießt, umringt von einem Idyll aus gemauerten Kräuterrondells, dicht bepflanzten Beeten, Seite an Seite mit Gräsern, Gesträuch und Kunsthandwerk. Zum Blätterschmaus serviert die Kräuterköchin Tomate mit frisch gemörsertem Wildkräutersalz. Es ist so einfach. „Sobald wir ein paar Meter gehen, finden wir alles, was wir brauchen“, sagt sie, nimmt Roggenbrot und bestreicht es mit Kräuterbutter. Zubereitet mit Giersch, auch Siebenblatt genannt, erkennbar an seinem Stielquerschnitt in Hufeisenform.

Ihre Kräuter findet sie nicht nur im eigenen Garten, sie durchstreift die nahen Feuchtwiesen und Wälder. Das Naturschutzgebiet Höhlen ist nur einen Katzensprung entfernt. Hier entspringt die Lingese, der Bach plätschert, von Schilf und Erlen-Ufergehölz umsäumt, durch eine große Mädesüß-Brache. Daraus bereitet sie gerne Dessertcreme zu: „Es schmeckt süß und leicht marzipanig.“

Kräuterhexe Karola Wolff

In Karola Wolffs Sammlung: Alant, eine traditionelle Heilpflanze aus der Zeit der Kelten.

Von ihren Spaziergängen bringt sie Löwenzahn, Brennnessel und Sternmiere mit, Gänseblümchen, Schachtelhalm und schwarzen Holunder. Die Nachbarn fragen: „Na, wieder einkaufen gewesen?“ Die ideale Zeit zum Sammeln sei der späte Vormittag. „Dann hat die Pflanze die meiste Kraft.“ Die besten Stellen kennt sie natürlich genau, im Prinzip gilt: „Da, wo keine Hunde sind, wo nicht gedüngt wird und wo keine Autos fahren.“ Aus Vogelbeeren wird Likör gemacht, die tiefblauen Früchte der Mahonie wandern ins Gelee. Ihr Leibgericht ist Wildkräuterlasagne und ihr Favorit: „Tee aus frisch gepflückten Blättern.“ Minze beispielsweise, die es in unzähligen Geschmacksrichtungen gibt, etwa Erdbeere, Ingwer, Ananas oder Limone. An diesem warmen Sommerabend schmeckt lilafarbene Limonade mit Malvenblüten.

Ihr Leibgericht ist Wildkräuterlasagne

Zum überbackenen Camembert mit Brennnessel und Schafgarbe (köstlich) wird Kräuterquark gereicht. Darin Gundermann, Löwenzahn und Spitzwegerich, dekoriert mit einem Zweiglein Frauenmantel. Als ausgebildete Kräuterpädagogin erkennt sie jedes Kraut genau, an der Form der Blüten und Stängel, am Duft, an der Anordnung der Blätter. „Quirlig“ beim Waldmeister, charakteristisch-herzförmig beim Gundermann.

Kräuterhexe Karola Wolff Abendessen aus Wildkräutern

Überbackener Camembert mit Brennnessel und Schafgarbe (köstlich).

In einem speziell angelegten „Giftbeet“ wächst als Anschauungsmaterial für Seminarteilnehmer, was der Mensch meiden sollte: Blauer Eisenhut, Küchenschelle, Maiglöckchen, Buchsbaum, Schöllkraut und Alraune, die magische Pflanze aus den Harry-Potter-Geschichten.

Zum Abschluss des heutigen Menüs lädt Karola Wolff dazu ein, durch ihr grünes Reich zu schlendern. Auf Kieswegen und kleinen Pfaden, vorbei am Indianergarten mit traditionellen Heilpflanzen, an der Taglilienplantage, an Beeten mit alten Gemüsearten (Haferwurz) oder antiken Gewürzpflanzen, zum Beispiel Alant aus der Zeit der Kelten. Halme, zarte Triebe und stachelige Gewächse sprießen aus Zinkwannen, Tongefäßen und Trögen. Schmetterlinge, Schnecken und alles, was summt, ist willkommen.

Karola Wolff liebt das Unverfälschte. Schon immer wünschte sie sich „raus aufs Land, in die Abgeschiedenheit.“ Das Grundstück in Höhlen mit dem Landhaus und dem alten Baumbestand hat sie gleich gemocht. Ihr Mann und sie haben nur einmal über den Zaun geschaut, das war es. „Einen besseren Ort gibt es nicht für mich.“ Das Dorf Höhlen, die laue Luft und der würzige Duft im Kräutergarten wirken inspirierend, es packt einen die Lust selber loszuziehen in Richtung Wald, mit Korb und Gummistiefeln, und das Abendessen zusammenzusammeln.

Kräuterhexe Karola Wolff Giftbeet

In einem speziell angelegten „Giftbeet“ wächst als Anschauungsmaterial, was der Mensch unbedingt meiden sollte.

Kräuterhexe Karola Wolff Höhlen Kierspe
Kräuterhexe Karola Wolff Höhlen Kierspe

Praktisch für jede Verwendungsart:
Wenn ein Kraut einen üblen Geruch an den Fingern hinterlässt (wie der Muskat-Salbei), gibt es ein anderes, den Waschwurz, der genug Saponine enthält, um mit Schaum zu reinigen.

Kräuterhexe Karola Wolff Höhlen Kierspe
Weitere Informationen

Ansprechpartnerin
Karola Wolff
Kräuterpädagogin
Höhlen 15
58566 Kierspe
☎ 02359 / 2554
(montags und donnerstags von 14.30 bis 18 Uhr)
✉ kontakt@das-loewenzaehnchen.de

Laden
Das Löwenzähnchen
Höhlen 15
58566 Kierspe

Kräuterladen Löwenzähnchen Kierspe Höhlen © Stefanie Schildchen, Meinerzhagen© Stefanie Schildchen, MeinerzhagenKräuterlikör © Stefanie Schildchen, MeinerzhagenKräuterseifeErfrischendes aus KräuternKräuterteemischungenKräuterseife, handgemachtGelee aus WildkräuternKräuterlikörKräuterlikör
Öffnungszeiten
Montag und Donnerstag
14.30 bis 18 Uhr
sowie nach Absprache

www.das-loewenzaehnchen.de


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