Mit dem Schichtprinzip der Kälte trotzen

Chihuahua-Dame "Lilly" im Anorak

Lilly, die vierjährige Chihuahua-Dame, hat ganz eigene Strategien gegen die Kälte. © Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Zwiebel-Look und grüner Tee mit Ingwer

Wer dieser Tage länger draußen ist, muss gewappnet sein / Standbetreiber auf dem Wochenmarkt wärmen sich mit Heizstrahlern und heißen Getränken

Meinerzhagen Fünf Grad minus? Über den Temperatursturz der vergangenen Tage kann Andrey Chagochkin nur müde lächeln. Seine Heimat ist ein Ort der Kälterekorde. Trotzdem: “In Sibirien friert man nicht”, sagt er, “denn man ist immer warm angezogen.” Der Mann, der auf dem Wochenmarkt einen Stand mit Honigartikeln betreibt, trägt eine Uschanka, eine schwarze Mütze aus Fell, wie man sie aus Russland kennt. Mit dem Winter kann er gut umgehen, man sollte nur zusehen, rät er, dass nicht zu viel Körperwärme verloren geht. Über den Kopf zu Beispiel. Die Kälte in Nordkasachstan sei eh nicht mit dieser hier vergleichbar. Sie sei viel trockener und deshalb besser zu ertragen – aber nur, wenn der Wind ausbleibt. Die größte Kälte, die er je erlebt hat? “Das waren minus 47 Grad.” Sein Tipp für den winterlichen Aufenthalt im Freien: “Grüner Tee mit Honig und Ingwer.”

Der kommt dampfend aus der Thermoskanne und macht offensichtlich gute Laune. Die wiederum bringt Wärme von innen. Andrey Chagochkin empfiehlt außerdem Vitamine und Honigprodukte aus seinem eigenen Sortiment, propagiert die Stärkung der Abwehrkräfte (“Bienenbrot ist gut fürs Immunsystem”) und hebt den Zeigefinger. Was hat schon Amundsen gesagt? “Die Kälte ist die einzige Sache, an die der Mensch sich nicht gewöhnen kann.”

Andrey Chagochkin mit seinem Honigstand

Andrey Chagochkin propagiert die Stärkung der Abwehrkräfte (“Bienenbrot ist gut fürs Immunsystem”). Was hat schon Amundsen gesagt? “Die Kälte ist die einzige Sache, an die der Mensch sich nicht gewöhnen kann.” Mit dem Winter kann er gut umgehen, man sollte nur zusehen, rät er, dass nicht zu viel Körperwärme verloren geht.

Wer friert, wird schneller. Die zu dünn Gekleideten eilen forschen Schrittes über den Marktplatz an der Stadthalle. Ein paar Unentwegte nehmen sich Zeit für einen Bratfisch, doch auch die Stände an der Currywurstbude und am Brathähnchenwagen sind an diesem Freitag nur spärlich besucht. Auch Dieter Friese ist heute nicht zufrieden. Die Zahl der Kunden, die nach Stiefmütterchen und Tulpen verlangen, ist recht überschaubar. Er hat es sich vor einem Heizstrahler auf umgestülpten Plastikfässern bequem gemacht. Er reibt sich zwar die Hände, die Kälte sei für ihn aber kein Problem. Nur um die Blumen macht er sich Sorgen. Wenn es noch kälter werde, kann er zwar an seinem Zeltdach die Seitenplanen herunter lassen. Aber bei minus zehn Grad Celsius muss auch er passen. “Dann friert uns die Ware im Auto kaputt.”

Stand der Familie Schlösser auf dem Wochenmarkt in Meinerzhagen

“Ist Ihnen nicht kalt?” Paul Schlösser lacht. “Wir waren immer draußen auf dem Feld, bei jedem Wetter. Wir kennen das. Das macht uns nichts aus.”

Schräg gegenüber am Gemüsestand der Schlössers. Das Ehepaar ist verwundert über die Frage: “Ist Ihnen nicht kalt?” Paul Schlösser lacht. “Wir waren immer  draußen auf dem Feld, bei jedem Wetter. Wir kennen das. Das macht uns nichts aus.” Seit 1930 stehe die Familie Woche für Woche auf dem Markt in Lüdenscheid. Seit 1962 sind wir auch hier in Meinerzhagen”, sagt der 76-Jährige. “Den Markt hier haben wir mitbegründet.” Seitdem sind einige Winter ins Land gegangen. Wer so viel an der frischen Luft sei, dem könne die Kälte nichts anhaben. Seine Frau Brigitte, 80 Jahre, pflichtet ihm bei. “Wir heizen zuhause noch mit Holz und Kohle. Genau wie früher.” Sie trägt mehrere Pullover, darüber eine dicke Jacke aus Teddyfell, und selbstgestrickte Handschuhe. Die Finger müssen frei bleiben, fürs Kleingeld.

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Dieter Friese hat es warm. Er macht sich aber Sorgen um seine Blumen.

Bettina Lehnert verkauft Äpfel und Birnen aus eigenem Anbau, außerdem Nudeln, Nüsse, Honig und Eier. Sie und ihre Kollegin vom “Appelhof” genießen in ihrem Wagen einen besonderen Luxus. “Standheizung.” Das Obst in der Auslage braucht keine Wärme und hinter der Theke könne man es so ganz gut aushalten, sagen die beiden. Sie versorgen einander mit Kaffee und Tee und reiben sich gegenseitig die Hände, wenn es gar zu kalt wird. Heidi Müller setzt auf das “Zwiebelprinzip” – einfach mehrere Unterhemden, Pullover und Jacken übereinander getragen – alles eine Nummer größer – das wärmt und man kann sich den Temperaturen anpassen, wenn doch mal die Sonne rauskommt – so einfach sei das. Außerdem müßte sie an ihrem Stand, an dem sie handgemachtes schlesisches Natursauerteig-Brot anbietet, dauernd in Bewegung sein. Die Kundinnen, die hier Schlange stehen, haben noch weitere Tipps parat: “Das Gesicht immer gut eincremen.” “Durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen.” “Speisen etwas stärker würzen, mit Chili und Zimt, das regt die Durchblutung an.”

Die Kundschaft auf dem Wochenmarkt genießt das klare Wetter und lässt sich von grellen Sonnenstrahlen blenden. Man trifft sich zum Plausch und begrüßt einander mit hellen Atemwolken. So richtig kälteempfindlich ist nur Lilly, sie zittert etwas, trotz ihres dicken Anoraks. Die vierjährige Chihuahua-Dame hat eine ganz eigene Strategie gegen die Kälte – diesen bedauernswerten Blick in Richtung Herrchen. Norbert Bartke nimmt sie hoch und schon ist die Welt wieder in Ordnung. grünegegend-01apple_pure

 

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