“Liebe Freundin …”

Beate Hoppe sammelt alte Poesiealben © Foto: Stefanie Schildchen

EIN GLÖCKLEIN IM HERZEN

Beate Hoppe sammelt Poesiealben aus dem Volmetal / Der älteste Eintrag ist von 1890 / Glanzbilder und Lebensweisheiten aus vergangener Zeit       English version

© Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Anneliese ist ein Mädchen von sagen wir mal zehn Jahren. In Listringhausen, wo sie vermutlich Anfang des vorigen Jahrhunderts zu Hause ist, liegt in der gut geheizten Stube auch für sie etwas unterm Weihnachtsbaum, vielleicht ein Puppenkleid, ein besticktes Taschentuch, ein paar Äpfel, eine Handvoll Nüsse. Sicher ist, sie bekommt vom Großvater ein Päckchen geschenkt. Darin ein Buch mit einem kunstvoll gestalteten Einband – und lauter leeren Seiten.

Mehr als 100 Jahre später blättert Beate Hoppe darin. Das Papier ist vergilbt, die gebundenen Blätter sind vollgeschrieben. Es ist etwas mühsam, die Handschriften zu entziffern. Die Meinerzhagenerin verfügt da aber über Geduld und einige Erfahrung. Alles, was die Ortshistorie betrifft, ist für sie interessant und wird gesammelt. So auch dieses Poesiealbum. Sie hat mehrere davon, die sie hütet wie einen Schatz. „Wenn mir eins in die Finger fällt, nehme ich es sofort mit“, sagt sie, fündig wird meist sie auf Flohmärkten. „Die sind dort aber nicht billig.“ Was diese Relikte eigentlich so wertvoll macht – sie gewähren einen sehr persönlichen Einblick in eine andere Zeit.

Glanzbild mit enormer Farbbrillanz. © Foto: Stefanie Schildchen

Meinerzhagen einst, es liegt Schnee im Genkeltal und es ist bitterkalt. Die kleine Anneliese trägt dicke Wollstrümpfe, vielleicht ein dunkles Schürzenkleid und das Haar mit einer großen Schleife zum Zopf gebunden. Sie sitzt andächtig am Tisch, öffnet das Tintenfass und streicht über das in Leder geprägte Ornament und den Schriftzug „Poesie“. Ihr ist klar, dass dieses Geschenk kostbar ist und dass sie es sorgsam verwahren wird.

„Alle, die in meinem Album stehen, wünsch ich Glück und Wohlergehen“, schreibt sie langsam und konzentriert auf die erste Seite. „Gewidmet von meinem lieben Großvater aus Lützel, Weihnachten im Jahr 1910.“

Beate Hoppe hält ihr eigenes Poesiealbum ebenfalls in Ehren. „Wir kriegten das damals zum Geburtstag geschenkt, alle hatten eins“, erinnert sie sich. Der Umschlag aus Kunststoff, pflegeleicht und abwaschbar und mit einem grafischen Muster, wie es auch die Nierentische der Sechziger zierte. Traditionell machte es zuerst in der Familie die Runde. Dann waren die Freundinnen in der Nachbarschaft dran. „Man hielt ein paar Seiten frei“, so Hoppe, „weil man welche kannte, die weiter vorne stehen sollten.“ Sie hatte ihr Album 1962 bekommen und ganz bestimmte Wunschkandidaten. „Eine der ersten war dann meine Klassenlehrerin Helene Schürmann.“ Jene sei eine „Institution in Meinerzhagen“ gewesen: „Generationen von Kindern haben bei ihr in der Nordschule gelernt.“ Ihr Eintrag in blauer Tinte: „Von guten Mächten wunderbar geborgen,…“, ein Bonhoeffer-Gedicht. „Der Spruch hat mich mein Leben lang begleitet“, sagt Beate Hoppe.

Poesiealben sämtlicher Epochen. © Foto: Stefanie Schildchen
Alter Familienname aus Meinerzhagen: Ein Eintrag von Emmi Rövenstrunk. © Foto: Stefanie Schildchen
Manche Alben sind mehr als 100 Jahre alt. © Foto: Stefanie Schildchen

Ein paar Seiten weiter hatte sich Günter Hausmann mit ein paar Zeilen verewigt, ein bei vielen beliebter Lehrer. „Bei ihm haben wir eine Menge gelernt, er hat tollen Unterricht gemacht und er konnte richtig gute Geschichten erzählen.“ Damals habe es noch das Fach „Schönschreiben“ gegeben, erklärt Hoppe. „Wir schrieben mit einem Kolbenfüllfederhalter mit Tank.“ So etwas wie ein Kugelschreiber war verboten.

Die Mädchen konnten das immer etwas besser als die Jungs. „Durch den Handarbeitsunterricht waren wir feinmotorisch geübter.“ Und so legte man auch beim Eintrag in das Buch der Freundin, was die Sorgfalt betrifft, höchste Ansprüche an den Tag. „Es durfte nicht gekleckst werden.“ Und eine Seite herausreißen war, genau wie beim Schulheft, absolut tabu.

Mit der Deutschen Schrift, wie man sie früher benutzte, kennt sich Beate Hoppe ebenfalls gut aus.

Das betagteste Poesiealbum stammt aus dem Jahr 1890

„Ich hatte in meiner Lehrzeit viel damit zu tun, weil meine Kollegen alle noch so schrieben.“ Deshalb hat sie beim Entziffern der eng beschriebenen Zeilen selbst der ältesten Texte keine Schwierigkeiten. Immerhin ist das betagteste Poesiealbum aus ihrer Sammlung aus dem Jahre 1890.

„Was mich aber eigentlich interessierte, als ich das Buch kaufte, waren die Bilder“, sie zeigt ein paar Hochglanzexemplare von erstaunlich gut erhaltener Farbbrillanz. „Wunderschön! Diese Plastizität.“

Die Motive sind aus dem Märchen, Tiere, Blumen, rotwangige Kinderfiguren, umrankt mit Ornamenten. Die meisten sind geprägt, die gefragtesten waren mit Glitzer bestreut. Die Glanzbilder wurden in einer Schatulle aufbewahrt und gerne angeschaut und getauscht. „Unsere kauften wir bei Opa Hühn.“ Dort versorgte man sich auch mit Knickern. Der damals schon über 90-Jährige betrieb an der Oststraße einen Tabakwarenladen.

Im Schreibwarenladen von Line Krugmann an der Kirchstraße gab es auch welche. „Sie holte die Bilder aus einer Schachtel unterm Ladentisch hervor“, erinnert sich Beate Hoppe. „Eins kostete 20 Pfennig.“ Man trug die Bilderbögen stolz in den Zellophantüten nach Hause, dort wurden sie mit einer kleinen spitzen Schere auseinandergeschnitten.

Manchmal nimmt sie ihre Albensammlung zur Hand, nur um die Bilder anzuschauen. Weihnachtliches Dekor („Ein Glöcklein im Herzen“), Rosen in allen Variationen und ihr Lieblingsbild „Dornröschen“. Aber auch wegen der teils recht seltenen Sprüche – Lebensweisheiten, gute Ratschläge oder Zitate aus der Bibel.

Die Verfasserinnen stammen aus dem gesamten Volmetal. Viele Namen kommen einem gleich bekannt vor. Allein in Annelieses Poesiealbum, das sie bis ungefähr 1914 führte, tummeln sich sämtliche Meinerzhagener Familien: Klassen, Lohmann, Schriever, Rövenstrunk, Köster, Nockemann, Krumme, Weischede und so weiter.

Beate Hoppe blättert in alten Poesiealben. © Foto: Stefanie Schildchen

„Das ist genial, die Kinder waren erst zehn Jahre alt und konnten richtig gut schreiben.“ Interessant auch die vielen verschiedenen Handschriften, das lag vermutlich auch am Lehrer. Mit dünner Feder und schwarz-blauer Tinte: „Zu stehen in frommer Elternpflege, welch schöner Segen für ein Kind. Ihm sind gebahnt die rechten Wege, die Vielen schwer zu finden sind.“ Das hat jemand in Annelieses Poesiealbum hinterlassen. Der letzte Eintrag, 1914: „Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht klagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen, das Rechte tun, am Schönen sich erfreuen, das Leben lieben und den Tod nicht scheuen und fest an Gott und bessre Zukunft glauben heißt leben, heißt dem Tod sein Bittres rauben.“

Wunderschöne Blumenbilder. © Foto: Stefanie Schildchen

 

Zur Person

Beate Hoppe
Buchhalterin, geboren, aufgewachsen und verwurzelt in Meinerzhagen. Sie engagiert sich für alles, was mit der Geschichte der Stadt zu tun hat, als Ahnenforscherin, im Vorstand des Heimatvereins, als Mitarbeiterin im Küsterteam der Jesus-Christus-Kirche, als Mitglied im Plattdeutschen Kreis. In ihrer Freizeit ist sie in ihrem großen Bauerngarten anzutreffen oder – als leidenschaftliche Anhängerin alter Handarbeitstechniken – am Spinnrad und manchmal auch als Stadtführerin. Sie hat eine Tochter und zwei Enkelkinder.

Kontakt
☎ 02354 / 4704

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