Alltagshilfe im Repair-Café

Repair Café

Kaputt. Wegwerfen? Denkste!

Bastler, Tüftler und andere Engagierte bieten der Wegwerfmentalität Paroli

© Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Wenn nicht gerade der Motor Funken sprüht, ist in den allermeisten Fällen noch was zu retten. So auch diesmal. Der Patient: ein Retro-Staubsauger aus den Achtzigern. Die Diagnose: Kabelbruch. Der behandelnde Reparateur: Egon Peters. Für den Handwerker eine leichte Übung, für den Besitzer Werner Simski eine große Freude.  Erneut ist soeben das Leben eines ansonsten zuverlässigen Gebrauchsgerätes um ein paar Jahre verlängert worden. Leiser Jubel.

Ereignisse wie diese häufen sich – besonders an jedem letzten Freitag im Monat, denn dann hat für zwei Stunden das Repair-Café an der Hauptstraße seine Türen geöffnet. Diesmal war richtig was los, “so viel wie nie”, sagt Frank Steinke, einer der Organisatoren der Einrichtung, die sich den Einsatz für Nachhaltigkeit und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben haben.

Das erste Mal werden jetzt Besucher im neuen Domizil, dem Quartiersbüro an der Hauptstraße empfangen. Das Repair-Café durfte bisher die Räume der Galerie Langenohl im Eine-Welt-Laden nutzen. Hier im Ladenbereich (ehemals Quelle) seien, so Steinke, aber die Lichtverhältnisse besser. Außerdem könne das Mobiliar so bis zum nächsten Termin stehen bleiben. Die Stadtverwaltung stellt die Fläche kostenlos zur Verfügung.

Egon Peters schraubt den Staubsauger wieder zu. Das Exemplar “Vampyrette 202” von AEG hat Retrolook und Seltenheitswert. Und tut jetzt wieder brav seinen Dienst, wenn auch mit einer etwas kürzeren Schnur. Peters hat die brüchige Stelle entfernt und das Kabel fachmännisch montiert. Der gelernte Elektriker ist im Ruhestand. “Seit zwölf Jahren habe ich Urlaub”, sagt der 72-Jährige und winkt den nächsten Fall heran, der da Schlange steht.

Er und sein Kollege Karl-Heinz Wülfrath hieven ein sperriges Gerät auf den Tisch. Der Zahn der Zeit hat dem einst schneeweißen Kunststoff Patina verliehen. Trotzdem macht die Mikrowelle der Marke “Privileg” einen gepflegten Eindruck, nur leider seit Kurzem keinen Mucks mehr. Alter? Die Besitzerin besorgt: “20 Jahre erst.”

Die beiden Experten nehmen das Gehäuse ab, es gibt den Blick frei auf ein Gewimmel aus bunten Kabeln und Platinen. Nach kurzer Beratung stellen sie fest: “Die mechanische Betätigung war ausgehakt, eine Feder ist rausgesprungen.” Jetzt wird Werkzeug sortiert und herumgefummelt: “An manche Stellen kommt man einfach nicht ran.” Es gelingt schließlich doch und die Besucherin ist erleichtert. “Ich schmeiße ungern Dinge weg. Deshalb war ich froh, aus der Zeitung zu erfahren, dass es so etwas wie das hier gibt.”

K1024_Repaircafe-62

Ressourcen sparen, so lautet das Motto. Die Umwelt vor stetig wachsenden Müllbergen schützen, die Devise. Der Zulauf von Menschen, die der Wegwerfmentalität entgegenwirken möchten, wird immer größer. Das stellt auch Frank Steinke in seinem Repair-Café fest.

Die Idee kam ihm bei einem Spaziergang mit Freunden, wurde zum Volmetaler Tauschring getragen, bei dem Steinke auch Mitglied ist, und dort konkretisiert. Der 56-Jährige, von Beruf “Webworker”, hat ein Team von zehn Mitarbeitern um sich geschart, die sich mit Begeisterung für die Sache stark machen. Seit ungefähr einem Jahr kümmern sich Handwerker und Tüftler aus allen möglichen Berufsbereichen um kaputte Alltagsgegenstände und bringen sie wieder in Gang. Von der defekten Armbanduhr bis zur Stereoanlage war schon alles dabei. “Der Service hat sich rumgesprochen.”

Frank Steinke hat gerade keine Zeit zum Quatschen, er muss zusammen mit Diethelm Busch die Besucherströme koordinieren. Jeder, der kommt – manche haben gleich mehrere Kleingeräte unterm Arm – füllt einen Laufzettel aus und wartet, bis er aufgerufen wird. In der Zwischenzeit gibt’s heiße Getränke und Plätzchen, klar, im Repair-Café ist der Name Programm. Ein neues Gerät kommt rein, ein Receiver verweigert den Dienst. Die Vermutung: Kurzschluss.

Am Nebentisch inspiziert Norbert Eigler eine Metabo-Bohrmaschine. Eigentlich ein robustes Werkzeug, die Besitzerin benutzt es, um Fliesenkleber damit anzurühren. Eigler hat hier an einer Schraube gedreht, dort etwas geprickelt und den Fehler schnell gefunden: “Die rückstellbare Sicherung ist rausgesprungen.” Sekunden später macht die Maschine wieder ein lautes Geräusch.

Mit Hilfe von Lötstation, Dremelbohrer und allerhand Spezialwerkzeug hat er so manches Problem gelöst. “Die Leute kommen mit Röhrenradios und Dampfbügeleisen, mit Kameras und Spielzeug, mit Toastern und Waffeleisen”, sagt der selbstständige Konstrukteur und Entwickler. Heute hat er bei einem Miele-Staubsauger die Kohlen erneuert und den Lüftungsfilter eines Laptops gereinigt. Die “Kunden” bringen alte Tonbandgeräte (“da gehen immer die Riemen kaputt”) und 600 Euro teure Kaffeemaschinen (“da ist die Reparatur hier günstiger, als sie zum Herstellerservice zu schicken”).

Es gibt auch einen Nähservice, ab und zu steht Giesela Sziegoleit für Fragen bereit. Die Arbeit macht Spaß, alle, die hier helfen, tun das ehrenamtlich. “Die Leute sind mit Leib und Seele dabei”, lobt Frank Steinke seine Mannschaft.

K1024_Repaircafe-91

Die Ansprüche sind hoch, das technische Know-how ebenso. “Das meiste kriegen wir hin.” Eine Dampfmaschine war dabei, die 40 Jahre nicht gelaufen ist, eine Steuereinheit für einen Brennofen, Stichsägen mit defektem Akku, unzählige Drucker und Fahrräder. Sogar ein Rollator. “Hier haben wir einen Gehstützenhalter angebracht.”

“Das meiste kriegen wir hin.”

Bei einigen Sachen streiken sie allerdings. “Was wir nicht nehmen, sind Kühlschränke, Waschmaschinen und Smartphones.” Manchmal reiche es auch, der Ursache für eine Störung auf den Grund zu gehen, wie gerade bei einer Musikanlage. “Da ist ein Gleichrichter kaputt. Das können wir hier nicht machen.” Das Repair-Café basiert auf einer Idee aus den Niederlanden, die erste Institution ihrer Art entstand 2009 in Amsterdam. Seitdem haben sich europaweit viele Angebote etabliert.

Die Organisatoren möchten nach dem Vorbild des “Stichting Repair Cafés” in Holland das Interesse am Reparieren wieder wecken, Reparaturwissen erhalten und verbreiten und für eine nachhaltige Gesellschaft eintreten. Und vor allem, den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft vor Ort fördern.
Ein Rauschen, dann leise Musik aus der Ecke hinten rechts. Horst Skerra hat soeben einem 15 Jahre alten Grundig-Radiowecker zu neuem Leben verholfen. “Der macht nochmal so lange”, verspricht er dessen Eigentümerin. Er ist nach eingehender Untersuchung zu einigen Lötstellen vorgedrungen, hat einen Klebestreifen angehoben, einige Staubpartikel entfernt, etwas Kontaktspray eingesetzt und seine Klientel glücklich gemacht. Und nicht nur die. “Das macht mir selbst Spaß hier”, sagt der 79-Jährige. Mit dieser Tätigkeit sorge er dafür, dass die Gehirnzellen – er nennt sie “Memories” – in Bewegung bleiben.

Der Rentner hat sich früher als Techniker, Schwerpunkt Kunststoffverarbeitung, mit großen Maschinen beschäftigt. Heute freut er sich, viele kleine Probleme lösen zu können, hält Anleitungen zur Wartung und Reparatur bereit sowie Tipps und Adressen, wo Ersatzteile zu beschaffen sind. “Gelebte Nachhaltigkeit” nennt Matthias Kretschmer das Prinzip. Auf seinem Tisch ist kein Werkzeug zu finden, dafür ein selbst gebauter Kasten zur Anschauung. Als Nachhaltigkeitspädagoge informiert er über Licht und Lampen und über deren Energieeinsparpotenzial.

Er zeigt den Besuchern den Stromverbrauch der konventionellen Glühbirne, die Gefährlichkeit der Energiesparlampen (“giftiges Quecksilber in den Leuchtstoffröhren”) und die umweltfreundlichen Eigenschaften der LED-Lampe auf. Nächster Termin: Freitag, 30. September 2016, im Gemeindezentrum Inselweg

Repair Café in Meinerzhagen, LötstationRepair Café in Meinerzhagen, kaputter StaubsaugerRepair Café in Meinerzhagen, NähmaschineRepair Café in Meinerzhagen, versierte Rentner helfen bei der Reparatur und WartungRepair Café in Meinerzhagen, WerkzeugkofferRepair Café in Meinerzhagen, versierte Rentner helfen bei der Reparatur und WartungRepair Café in Meinerzhagen, PrüfgerätRepair Café in Meinerzhagen, WerkzeugsortimentRepair Café in Meinerzhagen, Kaffee und PlätzchenRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen, elektronisches KleingerätRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,ReparaturRepair Café in Meinerzhagen,Reparatur

 

Weitere Informationen

“Wegwerfen? Denkste!”
Repair-Café

früher: Quartiersbüro, Hauptstraße 30 (ehemals Quelle)
jetzt: Gemeindezentrum Johanneskirche, Inselweg 1
58540 Meinerzhagen

jeden letzten Freitag im Monat
von 15 bis 17 Uhr geöffnet

Ansprechpartner
Frank Steinke
f.steinke@dokom.net
www.repaircafe.org


Größere Karte anzeigen

Print Friendly, PDF & Email