Schuhreparatur ist Handarbeit

Der Schuhmacher in seiner Werkstatt an der Hauptstraße in Meinerzhagen.

Jeder kennt den Mann mit der grünen Schürze

Gefragt und beliebt: Kalli Kruse ist Schuhmacher

© Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Meinerzhagen – „Das kommt ganz selten mal vor“, sagt Kalli Kruse, hält ein Paar schwarzer Schuhe in die Höhe und dreht sie um. „Ledersohlen!“ Ab und zu gebe es noch Kunden wie jenen gutsituierten Herrn, die Wert auf gutes Schuhwerk legen. Dieses Paar Budapester ist zwar nicht handgefertigt – das könne sich kaum einer leisten – aber hochwertig, das erkennt der Fachmann sofort.

Karl-Heinz Kruse (für jeden „Kalli“, 74 Jahre) ist Schuhmacher und war es schon immer.  Kaum jemand aus der Stadt, der nicht schon dort war, in der kleinen Werkstatt an der Hauptstraße. Kaum jemand, der ihn nicht kennt.


Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen

Es riecht nach Leder, Leim und Lösungsmitteln, aus dem Radio dudeln Schlager. Der Mann mit der grünen Schürze ist in die Arbeit vertieft, pinselt Kleber auf die angerauten Sohlen. Und erzählt dabei von seiner Jugend und wie es ihn von Thüringen nach Meinerzhagen verschlug. Sein größter Wunsch als 17-Jähriger war es, eine dieser Manchesterhosen zu tragen. Ein Beinkleid, gefertigt aus derbem Cord. „Das war damals schick“, erinnert sich Kalli Kruse. Und unbezahlbar.

Daher beschloss er 1957 sein Heimatdorf Wachstedt in Eichsfeld zu verlassen, um sich bei Onkel und Tante im fernen Meinerzhagen das nötige Geld zu verdienen. Seine Gesellenprüfung hatte er bereits abgelegt, Arbeit gab es genug. Was er nicht ahnen konnte – hier gefiel es ihm. Keine drei Wochen später fing er in der Schuhmacherei Höfel an. Die Werkstatt lag früher an der Hauptstraße 6.

Anfangs hatte er Bedenken, wie er als „Fremder aus der Ostzone“ im Sauerland Fuß fassen könnte. In der katholischen Jugend fand er aber schnell Freunde. „Kalli, komm zu uns zum Essen“, die Einladung der Familie Tschismar war der Beginn einer Freundschaft, die bis heute anhält. „Ich habe mich immer wohlgefühlt in Meinerzhagen und mich mit allen verstanden.“

1958 wurde Schützenfest gefeiert, Kalli Kruse war dabei. Eine Musikgruppe aus Hattingen, erinnert er sich, habe damals gespielt und ihn sehr beeindruckt.

„Was die können, das können wir auch“, da waren er und sein Freund Eberhard Klotz sich einig. Sie trommelten ein paar Leute zusammen und gründeten den Fanfarenzug Meinerzhagen. Sein Instrument hängt heute noch – wenn auch leicht angestaubt – im Hinterraum der Werkstatt an der Wand, mit dem Stadtwappen auf der grünen Fahne.

Kalli Kruse, Schuhmacher

Auf einer Karnevalsfeier 1960 lernte er Ingrid kennen. Knapp 20 Jahre später übernahmen er und seine Frau (mittlerweile waren ein Sohn und eine Tochter geboren) das Geschäft von Schuhhaus Schulte. 1979 verlegte er seine Werkstatt in das Haus Groll, Hauptstraße 44. Das neue Heim, im Stadtbild eines der wenigen Häuser rheinischer Bauart mit Schiefer, Fachwerk und Holzornamenten, ist seither Ziel unzähliger Menschen.

Wer zu welchem Schuh gehört, das muss er sich nicht aufschreiben

Und die plagen Löcher in den Sohlen, schiefgelaufene Absätze und ausgerissene Reißverschlüsse. Kalli Kruse kennt die meisten. Und wer zu welchem Schuh gehört, muss er sich nicht aufschreiben. 57 Jahre lang stand ihm Heinrich Braasch zur Seite, er half als Geselle in der Werkstatt. Dass dieser Freund seit kurzem im Altenheim in Engelskirchen wohnt und nicht mehr zur Arbeit kommt, fällt Kruse nicht leicht.

Viermal rund um die Erde, diese Strecke legt im Durchschnitt ein Mensch zu Fuß zurück. Da leidet schon mal das Material. Die Schuhmacherwerkstatt ist auf alle Notfälle eingestellt. Absätze in allen Größen, Sohlenmaterial in jeder Stärke, Nägel, Nieten, Zwirn. Das Handwerkzeug hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Ahle, Falzzange, Hammer, Nagelbohrer, Schusterdraht und Ausputzmaschine – Schuhreparatur ist Handarbeit. Der Ausbildungsberuf ist allerdings heute nicht mehr gefragt. Das war mal anders. „Früher konnte man von der Arbeit noch leben und eine Familie versorgen“, sagt Kalli Kruse. „Existenzsorgen gab es nicht.“

Das Handwerk hatte er von seinem Vater übernommen. Alfons Kruse entwarf und fertigte Qualitätsschuhwerk daheim in Eichsfeld, Bergschuhe und derbe Stiefel. Ein Paar hütet der Sohn wie einen Schatz: „Mit denen ist mein Vater 1928 auf Brautschau gegangen.“

In Meinerzhagen hatte Kalli Kruse ein neues Leben begonnen. Doch die Trennung von seiner Familie machte ihm zu schaffen. Er erzählt von einem schwarzen Tag, einem Sonntag: „Ich saß bei Körners, das war die Gaststätte „Zur Post“. In einem kleinen Zimmer hinter der Gaststube verfolgte ich vor dem Fernseher die Sondermeldungen.“ Es war der 13. August 1961, der Bau der Mauer schockierte die Menschen. „Die Kommunisten machen Berlin dicht“, hieß es. Und Kalli Kruse bekam es mit der Angst zu tun, immerhin hatte er jahrelang Mutter und Bruder kaum gesehen. Tante Körner, die Wirtin, versuchte ihn zu beruhigen: „Kalli, wir wollen hoffen, vielleicht wird es doch nicht so schlimm.“
Doch es kam wie befürchtet, es gab noch weniger Kontakt mit Zuhause. „Als junger Kerl hatte ich plötzlich Heimweh. Manchmal ganz stark, dann ging ich auf die Sprungschanze und guckte nach Osten.“

Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen Kalli Kruse, Schuhmacher in Meinerzhagen. © Foto: Stefanie Schildchen

 

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