Stelldichein der Spinnerinnen

Spinnerinnen

Unter den 20 Frauen, die sich am Samstag im Umweltpädagogischen Zentrum Haus Heed zum ersten offenen Spinntreffen zusammengefunden haben, waren sowohl neugierige Anfängerinnen als auch Profis mit jahrzehntelanger Erfahrung. © Text und Fotos: Stefanie Schildchen

Fasern, Fäden und erste Fortschritte

Erstes offenes Spinntreffen in Haus Heed ein Erfolg / Reger Austausch über ein uraltes Handwerk
Spinnerinnen mit Rohwolle

Beate Hoppe hat jede Menge Anschauungsmaterial dabei: Große Kugeln aus aufgewickelten Wollsträngen aus Alpaka, Merino mit Seide, Leinen oder unbehandelter Wolle direkt vom Schaf.

Meinerzhagen Gudrun Piel schwört auf “Blue Face”. Das sei gerade Mode, sagt sie, und zieht einen langen geflochtenen Strang aus ihrer Tasche. Dieser dient als Ausgangsmaterial. Mit ein paar Handgriffen hat sie ihr Reisespinnrad, Marke “Joy Doppeltritt”, aufgestellt und ein paar Fasern gezupft – und schon kann’s losgehen. Denn heute wird gesponnen.

Unter den 20 Frauen, die sich am Samstag im Umweltpädagogischen Zentrum Haus Heed zum ersten offenen Spinntreffen zusammengefunden haben, waren sowohl neugierige Anfängerinnen als auch Profis mit jahrzehntelanger Erfahrung. Manche hatten ihre Kinder dabei. Sie alle folgten einer Einladung von Beate Hoppe, die Freundinnen dieses alten Handwerks am Ort zusammenbringen wollte. “Es gibt viele Spinngruppen”, sagt die Meinerzhagenerin, “nicht aber in dieser Gegend.” Und so kamen die Besucherinnen aus Witten, Morsbach, Waldbröl oder Herscheid und auch aus Meinerzhagen nach Heed, um zu sehen, was die anderen Gleichgesinnten so tun. Gudrun Piel gehört zu einer Spinngruppe, die sich zweimal die Woche in Hagen, im Historischen Centrum auf Schloss Werdringen trifft.

Die erfahrene Fachfrau hat einer Besucherin den geflochtenen Strang Spinnwolle in die Hand gedrückt und erklärt nun die ersten Schritte. Sie empfiehlt, erst einmal “leer zu treten, damit du ein Gefühl dafür bekommst.”

Ein erstes Erfolgserlebnis

Wenn es klappt mit dem Fußantrieb, heißt es: “Und jetzt andersrum”. Denn gesponnen wird rechts herum und gezwirnt links herum. Das erste selbst gesponnene Garn ist noch zu dick und zu unregelmäßig. Neuling Sabine Neumann hält es aber stolz in die Höhe, ein erstes Erfolgserlebnis.

Die Frauen, die einen ganzen Tag gemeinsam mit dem Austausch über diese selten gewordene Handarbeit verbringen, haben ihre uralten und nagelneuen Spinnräder – aufwändig gedrechselt oder in Knallorange angestrichen – mitgebracht und in der Mitte des Gastraumes aufgebaut.

Spinnerin

Anne Walter aus Herscheid verarbeitet die Wolle der eigenen Milchschafe.

So kann eine der anderen Spinnerin über die Schulter schauen und über Techniken und über Rohmaterial diskutieren. Gudrun Piel setzt da zum Beispiel auf “Blue Face” (kurz für “Bluefaced Leicester”), die Wolle einer englischen Schafrasse, die sich dank ihrer langen Fasern auch gut von Anfängern verarbeiten lasse. Die Gäste bestaunen den langen Kammzug in poppigem Himmelblau. Aus dem fertig gesponnen Garn entstehen Socken und Pullover, die auch auf sensibler Haut getragen werden können.

Anders dagegen das Selbstgestrickte von Anne Walter aus Herscheid. Sie verarbeitet die Wolle der eigenen Milchschafe und die ist entsprechend rustikaler Natur. Aber die Expertin schätzt die Robustheit und die Naturfarben, sie wäscht und färbt ihre Wolle selbst. Andere wiederum schwören auf das “Coburger Fuchsschaf”, das leider vom Aussterben bedroht sei. Das selten gewordene Hausschaf liefert das “goldene Vlies”, eine geschätzte Qualität mit der typisch warm-gelben Farbe und rötlichem Schimmer – gut für Strümpfe und Mützen.

Wie verschieden die Qualitäten sind, lässt sich erfühlen, Beate Hoppe hat jede Menge Anschauungsmaterial dabei: Große Kugeln aus aufgewickelten Wollsträngen aus Alpaka, Merino mit Seide, Leinen oder unbehandelter Wolle direkt vom Schaf. Das offene Spinntreffen wurde begeistert angenommen und soll nun zu einer regelmäßigen Einrichtung werden. Wer interessiert ist, muss kein eigenes Spinnrad besitzen, sondern kann einfach vorbeischauen.

Der nächste Termin ist am Sonntag, 17. Juli 2016, von 11 bis 17 Uhr, diesmal in der Töpferwerkstatt von Tanja Hoppe, Kirchstraße 6 in Meinerzhagen.

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