Winterfreuden anno dazumal

Sprungschanze Meinerzhagen 1968

Wintersporttrubel im Jahr 1968 auf den Wiesen rund um die Sprungschanze, im Volksmund „Schlammsack“ oder „Schäfersfeld“ genannt. © Foto: Sammlung Schildchen

Meinerzhagen, tief verschneit

Schanzenspringen in Oberkorbecke und Schlittenfahren auf Schrievers Feld / Beate Hoppe erinnert sich an die sechziger Jahre
Wintersportplatz Meinerzhagen

Partie Hochstraße/Ecke Kirchstraße im Schnee. © Foto: Stadtarchiv Meinerzhagen

Meinerzhagen In früheren Jahren waren Schneeberge, wie wir sie im Jahr 2001 hatten, an der Tagesordnung. Seit dem 6. Februar 1925 wurden aus dem Ruhrgebiet sogar „Wintersportzüge“ eingesetzt, die die Skiläufer nach Meinerzhagen brachten. Vom Bahnhof aus ging es dann zu Fuß über die Bahnhofstraße, Hauptstraße, Oststraße, durch den Korbeckerweg, Oberkorbecke bis zum Skigebiet Nocken. Abends marschierten die Skiläufer dann den selben Weg wieder zurück zum Zug. Vom Fenster aus sahen meine Eltern und ich den Skiläufern zu, wie sie mit geschulterten Skiern an unserem Haus vorbeizogen.

Als ich noch klein war, gingen mein Vater und ich zum Schlittenfahren auf Schrievers Feld. Dort wurde manche Abfahrt gemacht. Einmal landeten wir sogar mit dem Schlitten im Bach. Zu Weihnachten 1960 bekam ich meine ersten Skier. Sofort nach Weihnachten wurden sie auf Schrievers Feld ausprobiert. Auch meine Freundin Elvi war eine begeisterte Skiläuferin. Ihre um etliche Jahre ältere Schwester fuhr damals schon regelmäßig in den Winterurlaub und besuchte dort die Ski-Schule. Wenn sie dann zurück kam, brachte sie uns ihre Künste bei.

Jeden Tag nach der Schule fanden wir uns auf dem Skihang ein, um zu üben. Nach jedem Schneefall mussten wir als erstes die Piste präparieren, das heißt quer zum Hang Schrittchen für Schrittchen mit den Skiern bergauf steigen. Danach ging es los. Wir fingen oben am Wald an und sausten den Hang hinunter. Die Straße am Ende des Abhangs wurde übersprungen und dann ging es auf der anderen Seite wieder ein Stück bergauf. Einmal war ich wohl zu schnell gewesen und sauste kopfüber in eine Schneewehe. Vor da an war ich an dieser Stelle vorsichtiger.

Eines Tages hatte der Bauer, der das Feld gepachtet hatte, genau auf der Mitte einen Streifen Jauche gefahren. Bei strengem Frost war dort dann eine dunkelbraune Eisplatte entstanden, über die wir nicht mehr fahren konnten, ohne uns die Ohren zu brechen. Also schulterten wir unsere Skier und gingen bis Oberkorbecke. Dort konnte man prima fahren. Die großen Jungen hatten eine Schanze gebaut, die wir ausprobierten. Wenn es dann dunkel wurde, ging es wieder nach Hause. Dort warteten die Schularbeiten auf uns, die wir großzügig auf den Abend verschoben hatten.

Im Superwinter 1963 ging ich in jeder freien Minute mit meiner Freundin Elke auf die Skipiste. Entweder wieder auf Schrievers Feld oder wir funktionierten unsere Ski für den Langlauf um und ab ging es ins Ebbe. In diesem Jahr machte uns das Laufen besonderen Spaß, denn sämtliche Bäche waren zugefroren und der Schnee war so tief, dass kein Weidenpfahl mehr zu sehen war. Nach dem Skilauf gingen wir zu Elkes Großmutter. Sie war gelähmt und hatte für uns Kinder immer Zeit. In der Küche verbreitete der Kohleherd eine wohlige Wärme. Hier ließen wir uns gerne nieder und Elkes Oma spielte mit uns Halma oder Mensch-ärgere-dich-nicht. Spätestens um 7 Uhr musste ich mich wieder zu Hause einfinden. In diesem Winter und in den folgenden gab es für uns aber noch ein Vergnügen. Am späten Nachmittag, wenn es dunkel wurde, fanden sich die Nachbarn, Erwachsene und Kinder mit Schlitten auf der Straße ein. Dann gingen wir nach Korbecke. Dort wurden die Schlitten zu einem Bummelzug zusammen gebunden. Der erste Schlitten wurde von einem älteren Kind mit Gleitschuhen gelenkt und ab ging die Fahrt bis nach Dönneweg. Dort mussten alle absteigen und wir zogen wieder bergan bis Korbecke. Nach der letzten Fahrt kehrten wir in der Gaststätte ein. Unsere Gleitschuhe stellten wir unter die Heizung.

Meinerzhagen im Schnee 1941

Winter in Meinerzhagen

Auf den Brettern durch den Tiefschnee – Skivergnügen an der Wahr. © Foto: Sammlung Schildchen

Wintersportplatz Meinerzhagen, Ideale Bedingungen für Wintersportler. © Foto: Stadtarchiv Meinerzhagen

Irgendwann bemerkte der Wirt diese Freveltat (der arme Holzfußboden) und wir bekamen mächtig Ärger. Von da an durften wir nur noch ohne Gleitschuhe ins Gasthaus.

In diesen Jahren war das Schlittenfahren auf wenig befahrenen Straßen möglich und kein Ordnungshüter hatte etwas dagegen. Der Korbecker Weg war immer gut geräumt, weil auf Oberkorbecke der Totenwagen stand. Wenn eine Beerdigung war, sauste Bauer Fittig mit Pferd und Wagen die Straße herunter. Salz war damals als Streumaterial wenig bekannt und wurde so gut wie nie eingesetzt. Nach 1965 bekam Herr Fittig aber ein Auto und von da ab wurde zu unserem Leidwesen die Straße mit Splitt gestreut. Schlechte Zeiten für einen Bummelzug.

In späteren Jahren zogen wir Jugendlichen dann mit lautem Hallo, unseren Schlitten und einer Kiste Bier zum Handweiser. Von da aus ging die Fahrt nach Sulenbecke. Vor Sulenbecke macht der Weg eine Biegung. Dort stand ein Kirschbaum. Um diesen Baum in der Dunkelheit nicht zu treffen, wurde eine Stalllaterne aufgestellt. So konnten wir auch da unbeschadet unserem Vergnügen nachgehen.

Mit lautem Hallo, unseren Schlitten und einer Kiste Bier zum Handweiser
Am späten Abend zogen wir dann wieder nach Hause. Eines Abends fuhr ich mit meinem Schlitten den Siepener Weg hinunter, hatte wohl nicht aufgepasst und traf ein Vorfahrtsschild. Die Zerrung, die ich damals davontrug, merke ich heute noch manchmal.

An einem anderen Abend zogen wir zum Skihang Hahnenbecke. Dort wollten wir mit dem Schlitten fahren. In der Dunkelheit konnten wir das Gelände nicht so genau begutachten und sausten also immer zu zweit auf einem Schlitten zu Tal. In der Senke sind mehrere Wellen, die wir natürlich nicht gesehen hatten. Ich flog vom Schlitten, mein Freund Klaus blieb zwar sitzen, jammerte aber nachher fürchterlich über seine „Kehrseite“.

Im Winter 1969/70 machte ich meinen Führerschein. Die erste Fahrstunde fand noch bei trockener Straße statt. Doch bei allen folgenden Stunden und bei der Prüfung waren die Straßen schneebedeckt. In ganz Meinerzhagen waren keine Lücken zu finden, um das Parklückefahren zu üben und auch bei der Prüfung wurde mir das erlassen. Ich kann es bis heute nicht. Wer einen Parkplatz am Straßenrand brauchte, musste zur Schüppe greifen und so war das auch noch in den folgenden Jahren.

Gasthof zur Trotzenburg, Treffpunkt für Skitouristen aus Nah und Fern. © Foto: Sammlung Schildchen

Als wir später an der Kirchstraße wohnten, trafen sich die Nachbarn zum gemeinsamen Schneeschieben und wenn die Zugänge zu den Häusern frei waren, haben wir oft auch auf dem Kirchplatz weitergeschoben. Da kamen riesige Schneeberge zusammen. Meine Tochter baute daraus mit ihren Freunden Burgen. In einem Jahr hatten sie eine Anlage mit Vorburg und Hauptburg gemacht. Die Hauptburg hatte sogar Fensterscheiben aus Eis. In den folgenden Jahren gab es dann weniger Schnee, aber immer einige Tage oder auch Wochen mit Frost, die die Talsperren zufrieren ließen. Also wechselte ich die Gleitschuhe gegen Schlittschuhe aus und lief in jeder freien Minute. Manchmal zogen wir auch bei Dunkelheit los und hatten in der Thermosflasche Glühwein dabei. Auch die Stalllaterne musste wieder mit.

1985 probierte ich die Langlaufskier meiner Schwiegermutter aus. Diese Art des Skilaufs gefiel mir und vor der nächsten Fahrt schaffte ich mir eigene Skier an. Anfangs liefen wir dann von Willertshagen durch die Grundlose zum Nocken und von da aus über die Ebbekammloipe bis nach Roscheid. Nach einigen Jahren war auch dieser Spaß vorbei, denn der Höhenweg wurde nicht mehr gespurt, sondern nur noch geschoben. Als die Loipe im Wehetal gespurt wurde, waren wir dort zu finden. Meine Skier standen von da an bei einem Freund im Wieden in der Garage. Nach dem Laufen bekam ich immer bei seiner Mutter eine Tasse Kaffee und durfte mich bei ihr aufwärmen. Heute teilt die Westtangente leider diese schöne Loipe und man muss die doch inzwischen viel befahrene Straße überqueren. grünegegend-01stem_pure  © Text: Beate Hoppe

Die Gegend, gehüllt in Winterweiß, wochenlang. © Foto: Sammlung Schildchen

Zur Person

Beate Hoppe
Buchhalterin, geboren, aufgewachsen und verwurzelt in Meinerzhagen. Sie engagiert sich für alles, was mit der Geschichte der Stadt zu tun hat, als Ahnenforscherin, im Vorstand des Heimatvereins, als Mitarbeiterin im Küsterteam der Jesus-Christus-Kirche, als Mitglied im Plattdeutschen Kreis. In ihrer Freizeit ist sie in ihrem großen Bauerngarten anzutreffen oder – als leidenschaftliche Anhängerin alter Handarbeitstechniken – am Spinnrad und manchmal auch als Stadtführerin. Sie hat eine Tochter und zwei Enkelkinder.

Kontakt
☎ 02354 / 4704


 

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